Zwei mögliche Interviewtermine bekomme ich von Christian Spuck offeriert: An einem Tag Punkt 17.35 Uhr, an einem zweiten um 18.05 Uhr. Die fünf Minuten nach der Zeit sind keine Marotte, sondern ein Indiz dafür, was für eine Maschine ein Staatsballett mit 80 Tänzerinnen und Tänzern und insgesamt 120 Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen ist: Probe, Besprechung, Interview, Aufführung – eines greift ins andere. Seit 2023 ist Christian Spuck Intendant dieser Ballettmaschine, und er hat längst unter Beweis gestellt, dass er diesen Apparat nicht nur managen kann, sondern dass er mit ihm Kunst auf höchstem Niveau in drei Häusern produziert: Komische Oper Berlin, Staatsoper Unter den Linden und Deutsche Oper Berlin – sie alle dienen der Compagnie des Staatsballetts Berlin als Bühne. Die Auslastungszahlen sprechen für sich, die Compagnie spielt oft vor ausverkauftem Haus.
In seiner dritten Spielzeit kann Christian Spuck eine Auslastung von über 95 Prozent vorweisen, er scheint hier in der Hauptstadt einen Nerv getroffen zu haben: »In Berlin haben wir ein sehr gemischtes Publikum«, sagt Spuck. »Darum bieten wir Produktionen an, die etwas für die ganze Familie sind, aber auch Abende mit elektronischer Musik, was sehr gut nach Berlin passt, da ist immer ein Nachspüren gefragt. Am Ende ist es manchmal einfach ein Glücksspiel. Wir müssen auch darauf achten, dass wir das klassische Repertoire, also ›Schwanensee‹ oder ›Giselle‹, nicht vernachlässigen. Das muss auf höchstem Niveau mit der Perspektive aus dem 21. Jahrhundert präsentiert werden. Auch der ›Nussknacker‹ wird wieder Thema werden.« Spuck denkt nicht nur von seiner Compagnie aus. Kommt er an ein neues Haus, dann trifft und bespricht er sich selbstverständlich auch mit dem Orchestervorstand: »Musiker mögen natürlich anspruchsvolle Musik. Meist kommt als allererstes die Nachfrage: Wann machen wir wieder Tschaikowsky?«
Gleichzeitig sagt Spuck: »Zeitgenössische Musik und das zeitgenössische Ballett führen einen großartigen Dialog miteinander.« Seine Affinität zu neuen Klängen hat auch damit zu tun, dass er selber beinahe eine Musikerlaufbahn eingeschlagen hätte: »Ich habe von Kindesbeinen an Klarinette gespielt und fand zeitgenössische Musik immer aufregend. Die meisten meiner Lieblingskomponisten sind auch zeitgenössische Komponisten. Leider gibt es einen, der mit der Ballettwelt wenig anfangen kann: Es ist mir noch nicht gelungen, ein Werk von György Kurtág zu vertanzen. Ich bin auch großer Fan von György Ligeti und habe schon zwei Werke von ihm für Choreografien genutzt.« 2019 brachte Spuck als Direktor beim Ballett Zürich Helmut Lachenmanns »Das Mädchen mit den Schwefelhölzern« auf die Bühne. Eine Produktion, die international Beachtung fand und von der Zeitschrift »tanz« als »Produktion des Jahres« ausgezeichnet wurde. »Es hat mich sehr gefreut, mit Helmut Lachenmann sehr eng zusammengearbeitet zu haben. Das war eine meiner aufregendsten Zeiten in Zürich.«
Spuck wuchs in einer musischen Familie auf, in der Hausmusik mit Eltern und Geschwistern die Regel war. Dadurch hatte er bereits als kleiner Junge Begegnungen mit der Musik Schuberts, Schumanns oder Chopins. Dann kam Jugend musiziert bis zum Bundeswettbewerb. Jedenfalls ging das Erlernen des Instrumentes einher mit dem Erlernen von Disziplin. Eine Tugend, die im Bereich des Tanzes zur Conditio-sine-qua-non gehört.
1969 ist er geboren, da hatte seine Umwelt noch eine andere Vorstellung davon, was ein Junge machen soll. Ballett war nicht unbedingt rollenkonform. »Ich habe mich einfach nicht getraut und dann relativ spät erst entschieden, professionell im Tanz einzusteigen.« Das passierte Ende der 1980er Jahre in Frankfurt, während Spuck dort seinen Zivildienst ableistete. Der weltberühmte Choreograf William Forsythe hatte damals in Frankfurt seine große Zeit. Spuck versäumte keine Vorstellung und war beeindruckt davon, »dass bei Forsythe Ballett eben mehr ist als Ornament und Schönheit, sondern dass es ein Gedankenvorgang ist, es sich mit Themen auseinandersetzt und das klassische Ballett an sich hinterfragt. Das hat mich sehr beeindruckt, und ich habe mich mit 20 entschieden, eine klassische Ballettausbildung zu starten. Ich hatte das Glück, dass ich in Stuttgart an die John Cranko Schule durfte. In dem Moment, in dem ich an die Stange gegangen bin, habe ich die Klarinette in den Kasten gesteckt und aufgehört zu musizieren. Dass ich erst mit 20 angefangen habe, war in meiner ganzen Tänzerkarriere spürbar, bestimmte Koordinationsprozesse lernt man in diesem Alter einfach nicht mehr.« Diese Tatsache trug dazu bei, dass Spuck mit zeitgenössischem Tanz in Berührung kam: »Damals war das noch sehr getrennt, zeitgenössischer Tanz und Ballett, das war fast verfeindet. Ich bin nach Brüssel zu Anne Teresa De Keersmaeker gegangen und musste die zeitgenössische Tanztechnik neu erlernen, insbesondere die Choreografien ihrer Compagnie Rosas, ihre Architektur von Bewegung und einen für mich neuen Bewegungskanon.«
Doch das klassische Ballett ließ Spuck nicht los, er ging zurück ans Stuttgarter Haus, als letzter Tänzer, den Marcia Haydée engagierte. Die großen Rollen tanzte Spuck nie in der klassischen Ballettwelt, er war im Corps de Ballet »der Dritte in der vierten Reihe hinten links«. Er freute sich, wenn er für zeitgenössisches Ballett oder zeitgenössische Werke gecastet wurde und tanzte sehr viel in der freien Szene. »Ich hätte es technisch nie geschafft, den Prinz Siegfried im Schwanensee zu tanzen oder den Tybalt in Romeo und Julia. Aufgrund dessen, dass ich zu spät angefangen habe, war ich limitiert und im Corps de Ballet gut aufgehoben. Fast 14 Jahre war ich beim Stuttgarter Ballett und hatte die Möglichkeit, dort intensiv zu beobachten, wie andere Künstler und Künstlerinnen arbeiten und choreografieren. Wir tanzten alle Cranko-Stücke und ich konnte studieren, wie er Regie führte. Auch hatten wir beim Stuttgart Ballett unter Reid Anderson, der 1996 als neuer Direktor nach Stuttgart gekommen war, das Glück, dass er unendlich viele Choreografen ans Haus holte. Es gab jede Spielzeit mindestens drei Uraufführungen.«
Paradox war es, dass es eine der ersten Amtshandlungen von Reid Anderson war, Spucks Vertrag nicht zu verlängern. »Ich stand auf einmal da und war arbeitslos. Doch dann sah er ein kleines Pas de Deux, das ich choreografiert hatte. Er rief mich ins Büro und sagte, ›Christian, wir fangen nochmal von vorne an. Wenn du möchtest, kannst du bleiben. Außerdem habe ich dein Pas de Deux gesehen und will das ins Repertoire des Stuttgarter Balletts aufnehmen.‹ Er hat mich elf Jahre lang unterstützt, egal was ich gemacht habe. Er hat manchmal auch gesagt: ›Spuck, das ist ein Desaster‹. Aber er hat es trotzdem gemacht und hat dann sofort gefragt, ›Okay, wann fängt die nächste Produktion an?‹ Er hat mir wirklich die Möglichkeit gegeben zu scheitern, was in meinen Augen existenziell ist, um zu wachsen. Bis heute rechne ich Reid Anderson hoch an, dass er mich unter seine Fittiche genommen und mir immer wieder Chancen gegeben hat.«
Zwischen 2001 bis 2012 wirkte Spuck als Hauschoreograf der Stuttgarter Compagnie, bevor er 2012 als Ballettdirektor nach Zürich ging und 2022/23 nach Berlin. Heute ist der Leiter der größten deutschen Ballettcompagnie in einer sehr privilegierten Situation. Gleichzeitig ist er in einer Zeit in Berlin, in der die Mittel weniger werden und Kultursenatorin Sarah Wedl-Wilson die Ausgaben auf den Prüfstand stellt. »Sie kann das Geld nicht erfinden und in der Kultur muss viel gespart werden, auch bei uns. Das Budget erscheint von außen sicher hoch, doch es ist eine Misere. Wir haben jetzt einige vakante Stellen vorläufig nicht nachbesetzt. Wir haben uns entschieden, statt vier Premieren drei Premieren zu machen und dafür mehr Wiederaufnahmen. Wir versuchen, das so zu balancieren, dass wir trotzdem attraktiv bleiben. Die größte Gefahr, die von den Einsparungen droht, ist, dass das Repertoire kleiner wird, das Publikum wegbricht und durch den Ticketverkauf weniger Gewinn erzielt wird. Dann müssten wir anfangen, die Compagnie zu verkleinern, das gilt es zu vermeiden. Doch momentan haben wir Glück: Wir haben seit drei Jahren sehr hohe Verkaufszahlen, das hilft uns über diese schwierige Zeit hinweg. Das Wichtigste ist, dass alle Arbeitsplätze erhalten werden. Zuallererst muss ich sehen, dass ich die Compagnie gut beschäftige, denn nur Tänzerinnen und Tänzer, die wirklich viel zu tun haben, sind glückliche Künstlerinnen und Künstler.
