Zu häufig schenkt man den Falschen zu viel Aufmerksamkeit – diesen Göttinnen und Göttern des Tages, all denjenigen, die gerade die Macht besitzen, ohne sie sinnvoll zu gebrauchen. Dem Urteilsvermögen und Seelenfrieden ist es zuträglicher, sich denen zuzuwenden, die etwas von dauerhafter Bedeutung geschaffen haben. Deshalb habe ich die 700-seitigen Lebenserinnerungen von Peter Brown (»Journeys of the Mind. A Life in History«, 2023) gelesen. Vielen wird dieser Name nichts sagen, aber der heute 90-Jährige ist einer der bedeutendsten Historiker unserer Zeit.
Wer Browns Gedankenreisen nachvollzieht, taucht in eine Welt von gestern ein; reist in den Sudan, wo sein Vater für die imperiale Eisenbahn arbeitete; lernt das Irland der Kriegszeit kennen, wo die nicht nur beseligende Macht des Glaubens herrscht; bestaunt die Welt englischer Privatschulen, die Colleges von Oxford und die Mysterien der britischen Klassengesellschaft. Besonders berührt hat mich, dass Brown an starkem Stottern litt – ebenso wie ich als Kind (darüber habe ich mich einmal mit Olaf Zimmermann unterhalten, mein wichtigster Beitrag für »Politik & Kultur«).
Brown wurde in Oxford ein großer Althistoriker. Dabei half ihm seine Furcht einflößende Sprachbegabung (er beherrscht 26 Sprachen). Zudem ist er ein großer Leser, der – so meint man – alle wesentlichen Quellentexte der Antike, Spätantike und des frühen Mittelalters im Original gelesen hat. Vor allem ist er ein von Beginn an ungemein neugieriger Forscher, der sich nie um Meinungskonventionen geschert hat. Dabei mag ihm seine Außenseiterposition als protestantischer Ire aus der lower middle class geholfen haben. Man muss sich Brown als einen ebenso furchtlosen wie sanften Bilderstürmer vorstellen, der ruhig und gelehrt, überlegt argumentierend und fair debattierend eine Fehlwahrnehmung nach der anderen zerbricht – und dies in schönster Prosa.
Als junger Mann wollte er eine Doktorarbeit über Augustinus schreiben, aber er merkte, dass eine Gesamtdarstellung fehlte, so schrieb er lieber die bis heute gültige Biografie. Danach entzauberte er den Mythos vom »Fall von Rom«. Die Spätantike ist für ihn keine Zeit der Dekadenz, sondern eine hochkreative Epoche. Ihr Ende war keine Katastrophe, an der barbarische Fremde Schuld trugen, sondern Teil einer langen, komplexen Transformation, die zu neuen, kleineren Christentümern führte. Anschließend wandte er, der nie an »Eurozentrismus« gelitten hat, sich den übersehenen Quellorten des Christentums im Nahen Osten zu, vor allem Syrien. Es folgten in den 1970er Jahren intensive Reisen in den Iran, weil er über das antike Sassanidenreich forschte. Dabei entdeckte er die Welt des Islam für sich. Damals habe in Europa, aber auch bei den Eliten des Nahen Ostens die Übereinkunft geherrscht, dass der Islam eine Art lebendes Fossil sei, das bald aussterben werde. Nur Brown dachte anders. Dennoch wurde auch er, wie die meisten, von der iranischen Revolution 1979 vollkommen überrascht. Wegen ihr konnte er leider sein Sassaniden-Buch nicht schreiben. Dafür veröffentlichte er – als Protestant ohne Vorurteile – wunderbare Werke über die zentrale Bedeutung der Heiligenverehrung und der Anti-Sexualität im alten Christentum. Letztere deutete er nicht als neurotische »Leibfeindlichkeit«, sondern als Versuch, sich aus gesellschaftlichen Gefängnissen zu befreien.
Brown ist kein Theologe, sondern Historiker, der kritische Distanz zu seinen Gegenständen wahrt. Dennoch hat die intensive Arbeit über das antike und mittelalterliche Christentum in West und Ost sowie über den Islam und Zoroastrismus dazu geführt, dass Brown in seinem persönlichen Leben religiöse Rituale pflegt. Regelmäßig besucht er in Princeton, wo er heute lebt, den örtlichen Gottesdienst. Und so beginnt sein Tag: Aufgrund seines Alters wacht er früh auf, steht auf, spricht seine Morgengebete, um dann antike Quellentexte im Original zu lesen, zuletzt aus Äthiopien. Das würde ich ihm gern nachmachen, aber mit meinen Ge’ez-Kenntnissen hapert es.