Ein kurzer Augenblick und das Leben kann plötzlich völlig aus dem Gleichgewicht geraten. Dieser Moment ist bei Léna ein Amoklauf an der Schule, an der sie unterrichtet. Bei diesem tragischen Vorfall verliert Léna ihren geliebten Mann. Völlig aus der Bahn geworfen, kündigt sie ihre Anstellung als Lehrerin in Frankeich und flieht ins weit entfernte Indien. Im Nordosten des Landes, in der Region Bengalen, möchte sie einfach nur all das Erlebte vergessen. Doch Léna vergisst nicht, sie fängt wieder an zu lehren. Zusammen mit Preeti, die einer Selbstverteidigungsgruppe für junge Frauen leitet, baut sie eine Schule nur für Mädchen auf, denn »Wissen ist Macht. Bildung ist der Schlüssel zur Freiheit«.

Der neue Roman »Das Mädchen mit dem Drachen« der französischen Schauspielerin und Autorin Laetitia Colombani entführt den Lesenden in eine Welt der Gegensätze. Neben modernen Hochhäusern und Luxus liegen Armut und das vermeintlich abgeschaffte Kastensystem so nah. Rund 26 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten mit geringer bis eigentlich keiner Möglichkeit auf Schulbildung. Dies betrifft vor allem die weibliche Bevölkerung des Landes. Im Durchschnitt gehen junge Frauen und Mädchen bis sie zwölf Jahre alt sind zur Schule. Anschließend müssen sie ihre Eltern im Haushalt oder bei der Arbeit unterstützen oder werden in ihrem jungen Alter zwanghaft verheiratet. Familiäre Grenzen und die Nichtakzeptanz von Bildung in großen Teilen der indischen Bevölkerung sind Hürden, denen sich Léna wacker und energisch stellen muss.

Erneut beschreibt Laetitia Colombani in diesem Buch starke Frauen, die aus Grenzen ausbrechen, um ihr eigenes Leben und die Welt zu verbessern. Das Mädchen Lalita aus dem vorherigen Roman von Colombani »Der Zopf« bekommt in diesem Buch eine ergreifende Geschichte. »Das Mädchen mit dem Drachen« fesselt den Lesenden ab der ersten Zeile. Auf eine Fortsetzung ist unbedingt zu hoffen!

Laetitia Colombani. Das Mädchen mit dem Drachen. Berlin 2022

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 06/2022.