Ein einziger Moment der Unaufmerksamkeit löst in dem neuen Roman von Ayelet Gundar-Goshen eine Lawine von Ereignissen, Veränderungen, Katastrophen aus. Ein arabischer Handwerker wird zu Arbeiten in einen israelischen Haushalt gerufen. Hier trifft er auf Naomi und ihren einjährigen Sohn Uri. Die junge Frau schwankt zwischen Misstrauen und dem Gefühl, den Fremden freundlich behandeln zu müssen. Schon hier entwickelt die Erzählung eine beklemmende Atmosphäre, die bis zur letzten Seite nicht abreißt. Kurz passen die beiden Erwachsenen nicht auf, da wirft das Kind den Hammer, den der Handwerker liegen gelassen hat, vom Balkon und trifft einen 17-Jährigen tödlich. Der Araber wird unter Terrorismusverdacht verhaftet, sein Sohn, auf der Suche nach dem Vater, wird beinahe Opfer einer Lynchjustiz; die israelische Kleinfamilie bringt ihn zurück zu seiner Familie: ein Zusammentreffen mit katastrophalem Ausgang. Erst drei Tage später geht Naomi zur Polizei und klärt das Missverständnis auf. Da ist aber das Geflecht von Schuld, Misstrauen und Hass schon nicht mehr aufzulösen. Es folgen ein Gerichtsprozess und der Umzug der Familie nach Nigeria, damit die horrenden Anwaltskosten beglichen werden können. Schuldgefühle, Sprachlosigkeit zwischen den Eheleuten, Traumata, die auch vor dem Kind nicht Halt machen, können aber nicht zurückgelassen werden, sondern reisen mit. Es bleiben Verletzungen, zerstörte Leben und die Frage nach Schuld. Hätte es an irgendeiner Stelle die Möglichkeit gegeben, dem Geschehen eine andere Richtung zu geben, wenn mehr Ehrlichkeit, vielleicht auch Vertrauen im Spiel gewesen wären?
Ayelet Gundar-Goshen versteht es, den Leser, die Leserin tief hineinzuziehen in dieses andauernde Gefühl der Beklemmung. Manchmal möchte man das Buch zur Seite legen, vielleicht, um zwischendurch etwas »Aufbauendes« zu lesen, aber der Sog, der von der Geschichte, von den Figuren, ihren Gedanken, Gefühlen, Ängsten ausgeht, lässt das kaum zu. Es bleibt am Ende die Frage, ob Heilung zumindest bei einigen der Betroffenen möglich ist. Die Erzählerin lässt diese Frage offen.
Ayelet Gundar-Goshen. Ungebetene Gäste. Zürich – Berlin 2025