In »Abschied« entfaltet Sebastian Haffner, später berühmter Publizist, ein Porträt seiner eigenen Jugend. Paris 1931 – linkes Seine-Ufer, Quartier Latin – wird Schauplatz eines intensiven kleinen Universums. Raimund Pretzel, Haffners Alter Ego, besucht seine große Liebe Teddy, eine faszinierende junge Frau, die bereits die Bohème-Welt dieser Metropole beherrscht. Die Dialoge sprühen vor Intellekt und Witz, man wünscht sich, selbst zwischen verrauchten Mansarden und Cafés zu flanieren oder den Louvre im Eiltempo zu erkunden.

Teddy ist mehr als Geliebte: ein literarisches Denkmal. Ihre Freiheit und Unnahbarkeit lassen Raimund taumeln zwischen Liebe, Eifersucht und Bewunderung. Die flüchtigen Tage in Paris, der bevorstehende Abschied – gerade dieses Zeitlimit verleiht der Geschichte ihre brennende Intensität.

Obwohl die Liebesgeschichte im Vordergrund steht, schimmert die politische Realität der Weimarer Republik durch: Beiläufige Bemerkungen über einen »Zukunftskrieg« oder Sätze wie »In meinem Koffer ging es zu wie in einem Konzentrationslager« erzeugen eine unheimliche Vorahnung. Subtil verbindet Haffner persönliche Melancholie mit historischer Bedrohung – in jugendlicher, unmittelbarer Form.

Zwei Wochen in Paris, zwei Menschen, deren Liebe intensiv und unmöglich ist. Haffners Sprache ist elegant, lebendig und voller Anspielungen – man spürt das Knistern der Zigaretten, die Geräusche der Stadt, das Spiel zwischen Nähe und Distanz. Jede Szene versucht, das Vergängliche zu bewahren.

»Abschied« ist nicht nur ein Liebesroman, sondern ein literarisches Zeitdokument: ein Fenster in eine verlorene Epoche, eine Bohème-Welt zwischen den Kriegen, eine individuelle Geschichte, die im Schatten der historischen Katastrophen spielt. Es ist eine Hymne auf die kleinen Momente der Freiheit und des Glücks, die Haffner so genau beobachtete. Wer dieses Buch liest, erlebt Paris als pulsierende Metropole der 1930er Jahre, die Liebe als zerbrechliches Abenteuer und die Geschichte als ständiges Mahnmal – alles zugleich.

Sebastian Haffner. Abschied. München 2025

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 10/2025.