Mitte Oktober konnten wir erstmals die Nominierungen für den Grimme Online Award bei der NRW-Ausgabe der re:publica bekannt geben. Und man muss sagen: Es war eine kleine Feier für Qualität im Netz – eine Qualität, die von vielen im Sinne eines »Mehr« gefordert wird. Und im digitalen Alltag doch so häufig fehlt.

Zugleich liefern die nominierten Angebote einen substanziellen Beitrag zur Meinungsvielfalt und machen das Netz zu dem Debattenraum, den wir so dringend benötigen. Nur einige Schlaglichter:

Schon länger entwickelt sich Twitch von einer Plattform für Gamer zu einem Informations- und Debattenkanal, der auch neuen, kreativen Unterhaltungsformaten Raum gibt. Das hat auch die ARD entdeckt, konzipiert hier immer neue Formate und erhielt in diesem Jahr eine Nominierung für den Classical Game Jam, der einerseits an die Zielgruppe Gamer andockt, hier aber Neues wagt, kreative Prozesse ausleuchtet und sich in der Vermittlung von (klassischer) Musik versucht. Es ist die erste Nominierung für ein Twitch-Format!

Immer wieder wurde von unseren Gremien eine intensivere Auseinandersetzung mit dem Klimawandel gefordert. In diesem Jahr setzen gleich mehrere Angebote hier an – etwa der »Brandmelder – Klima braucht Kontext« oder das Multimedia-Scrollytelling aus der Schweiz »Das große Tauen: Wie der Klimawandel Bergdörfer bedroht«.

Natürlich dürfen auch »Spezial«-Einreichungen nicht fehlen: der »Digital Independence Day«, der zu digitaler Souveränität im Alltag anleitet, oder die Initiative zur Rettung des Informationsfreiheitsgesetzes von »Frag den Staat«, das so viele Recherchen, insbesondere datenjournalistischer Art, überhaupt erst möglich gemacht hat.

Politisch wird es mit »vollmarcant« auf YouTube, wo AfD-Anhängerinnen und -Anhänger zu ihrer Motivation auf Demonstrationen befragt werden, oder mit dem interaktiven Angebot des »Spiegel« zur NSDAP-Mitgliedschaft, das einlädt, sich mit der historischen Verantwortung und der eigenen Familiengeschichte auseinanderzusetzen.

Kaum überraschend: Einige Angebote thematisieren das neue Dauerthema Künstliche Intelligenz, während andere versuchen, besondere Zielgruppen zu erreichen, etwa Kinder und Jugendliche – auch dies seit Jahren vermisst und immer wieder eingefordert von den Grimme-Gremien.

Kurz und gut: Die Nominierungen sind ein bunter Mix – und eigentlich wäre jedes einzelne Angebot es wert, hier genannt und ausführlich diskutiert zu werden. Dabei muss uns allen klar sein: Die Nominierung ist »an sich« schon eine kleine Auszeichnung – insbesondere angesichts der vielen Hundert Einreichungen. Und sie findet in einer Zeit statt, in der eine Partei im Osten Landtagswahlen gewinnt, die aus dem Medienstaatsvertrag aussteigen will und damit genau jene Medienvielfalt verringern möchte, die eine demokratische Öffentlichkeit braucht. Und für die der Grimme Online Award immer wieder steht.

Das ist kein abstraktes medienpolitisches Problem. Es geht um die Frage, in welcher, auch digitalen, Öffentlichkeit wir künftig leben wollen. Um die Möglichkeit, unterschiedliche Perspektiven kennenzulernen, Widerspruch auszuhalten, Fakten von Behauptungen zu unterscheiden und uns eine eigene Meinung zu bilden.

Demokratie braucht eben diese Räume. Und sie braucht Menschen, die sie nutzen, gestalten und verteidigen. Vielfach sind es diejenigen, die »hinter« den hier angesprochenen Netzangeboten stehen. Deshalb gilt es, hochwertige und aufklärerische Angebote im Netz nicht nur auszuzeichnen und ihre Macherinnen und Macher zu würdigen, sondern sie auch wahrzunehmen, weiterzuempfehlen und ihnen Aufmerksamkeit und ein Stück Reichweite zu geben. Denn Meinungsvielfalt entsteht nicht allein dadurch, dass viele Inhalte existieren. Sie entsteht dort, wo unterschiedliche Stimmen gehört werden können.

Gerade in einer digitalen Öffentlichkeit, in der Algorithmen Aufmerksamkeit belohnen, Zuspitzung oft besser funktioniert als Differenzierung und Desinformation sich schneller verbreitet als sorgfältig recherchierte Geschichten, ist die Frage nach Qualität daher keine Nebensache. Es geht um eine demokratische Ressource.

Dafür gilt es, sich einzumischen. Für Vielfalt. Für unabhängigen Journalismus. Für offene Debattenräume. Und für anderes mehr. Für die Freiheit, anderer Meinung zu sein – und für die Möglichkeit, die eigene Meinung auf Grundlage verlässlicher Informationen oder neuer Perspektiven immer wieder zu hinterfragen. Genau dafür steht der Grimme Online Award. Und genau dafür steht Grimme: Qualität sichtbar zu machen, Orientierung zu geben und jene zu stärken, die dazu beitragen, dass unsere demokratische Öffentlichkeit lebendig und vielfältig bleibt.

Denn Demokratie lebt nicht davon, dass wir uns alle einig sind. Sie lebt davon, dass wir miteinander streiten können – offen, informiert und divers.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11-12/2026