Durch die regierungskritischen Gen-Z-Proteste, die zu einem Regierungswechsel führten, den Eintritt in die Eurozone und den Sieg beim Eurovision Song Contest geriet Bulgarien in diesem Jahr stärker ins Blickfeld. Im Sinne starker bilateraler Beziehungen prognostizierte Bundeskanzler Merz dem Song »Bangaranga« der ESC-Gewinnerin Dara einen Erfolg als Sommerhit, als der Ministerpräsident Rumen Radew auf Antrittsbesuch in Berlin war. Dieser war nach den Anti-Korruptions-Protesten als Staatspräsident zurückgetreten, um mit seinem neuen Parteienbündnis »Progressives Bulgarien« bei den achten Parlamentswahlen innerhalb von fünf Jahren anzutreten.
Vor diesem Hintergrund stand bei der Exkursion der Jungen Südosteuropa-Gesellschaft nach Sofia der Austausch mit Institutionen und jungen Akteuren zu den Themen Sicherheit, Rechtsstaatlichkeit und Minderheiten im Vordergrund. Die bulgarische Hauptstadt Sofia gehört zu den größten und ältesten Metropolen des Balkans und liegt am Hang des Witoschagebirges. Im Zentrum sind die antiken Ruinen des römischen Serdica zu finden, ein leerer Sockel weist auf eine Leerstelle der jüngeren geschichtlichen Aufarbeitung hin. Sowjetische Statuen werden im Garten des Museums für sozialistische Kunst weitgehend unkommentiert wie auf einem Friedhof gelagert.
Katerina Kostadinova arbeitet, nachdem sie mit ihrer Familie nach Deutschland ausgewandert war, heute für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Sofia. Sie war Teil der Proteste und vermisst darüber hinaus zivilgesellschaftliche Strukturen und sozialdemokratische Ansichten. Die bulgarische Gesellschaft nimmt sie als apolitisch wahr. In weiteren Gesprächen werden das Misstrauen gegenüber Institutionen und politische Ermüdung angesprochen und die staatlichen Repressionen unter dem kommunistischen Regime sowie die häufigen Neuwahlen als Ursachen benannt. Seit der Wende ist die politische Lage instabil. Auslöser für die Proteste war ein umstrittener Haushaltsentwurf, der zu der Unzufriedenheit mit Korruption und oligarchischen Strukturen im Land dazukam. Sie lassen sich in eine Reihe internationaler Gen-Z-Proteste einordnen, die insbesondere über die Organisation und popkulturelle Inszenierung in den sozialen Medien funktionieren – wie es z. B. auch in Serbien der Fall war.
Bei einem World Café – einem Format, das Gespräche in Kleingruppen mit wechselnden Gesprächspartnerinnen und -partnernermöglicht – zu Minderheiten und kulturellen Identitäten in Kooperation mit dem Jugendzentrum Magnit, das von der Künstlerin und Aktivistin Bozhana Slavkova bespielt wird, zeigen sich weitere strukturelle Probleme. Neben verschiedenen Roma-Communities mit einem Bevölkerungsanteil von 4,4 Prozent gehören 8,4 Prozent der Bevölkerung der türkischen Minderheit an (Zensus 2021). Mihail Mishev, Betreiber des Blogs »Romalo«, und Hyuliya Ahmed berichten, dass beide Gruppen auf unterschiedliche Weise mit Diskriminierung zu kämpfen haben. Während die Situation vieler Roma strukturell prekär ist und manche Familien in Deutschland einen besseren Lebensstandard suchen, setzt sich die Benachteiligung der ethnisch-türkischen Bevölkerung durch die nicht aufgearbeitete Zwangsassimilation unter der Kommunistischen Partei fort. Ioanna Radoeva, Teil des Rechts-Teams der Organisation »Deystvie«, beschreibt die Situation der LGBTQ+-Community außerhalb der Hauptstadt als besorgniserregend, mit körperlichen Übergriffen sei zu rechnen, durch die Anwendung von EU-Recht gebe es jedoch juristische Fortschritte.
Die Gespräche zeigen, wie die Entwicklungen Bulgariens mit europäischen Fragestellungen verknüpft sind. Es ist abzuwarten, welchen Kurs Radew einschlagen wird, der Stimmen beim prorussisch eingestellten Teil der Bevölkerung gesammelt hatte. Die jüngsten Drohnenangriffe auf Schiffe vor der bulgarischen Schwarzmeerküste verdeutlichen die besondere geopolitische Bedeutung des Landes und die damit einhergehenden sicherheitspolitischen Herausforderungen.
Auch Deutschland spielt in Bulgarien eine sichtbare Rolle. Benjamin Coester, Referatsleiter »Kultur und Presse« bei der Deutschen Botschaft, erklärt, dass Deutschland der wichtigste Handelspartner Bulgariens und damit ein wichtiger Orientierungspunkt ist. Hier lebt ein großer Teil der bulgarischen Diaspora. Nachdem die Bevölkerung in den letzten Jahrzehnten um mehrere Millionen geschrumpft war, gibt es seit letztem Jahr mehr Rückkehrerinnen und Rückkehrer als Auswanderinnen und Auswanderer. Gerade in der Hauptstadt sei trotz gestiegener Lebenshaltungskosten ein gutes Leben möglich.
Zum Stadtfeiertag Ende des Sommers bestrahlt das Lunar Festival of Lights die Regierungsgebäude am Unabhängigkeitsplatz, das »Dreieck der Macht«, vor der Alexander-Newski-Kathedrale findet ein Rave statt. Für das kommende Jahr wird ein Tourismus-Boom erwartet, die Zahlen waren zuletzt rückläufig – der ESC wird nicht ohne Hintergedanken in der Küstenstadt Burgas veranstaltet.