Man darf wieder konservativ sein. Man kann sich sogar öffentlich zu dieser Haltung bekennen, ohne in jenem politischen Sammelcontainer zu landen, der pauschal als »rechts« etikettiert wurde. Plötzlich finden sich Vertreter dieser Gesinnung, die man jahrzehntelang als Vorstufe zur politischen Hölle deklariert hat, bei den Gutmeinenden wieder, bei denen, die man jetzt braucht und ohne die unsere Demokratie nicht zu funktionieren scheint. Liest man im jüngsten Buch des nach eigenem Bekunden linksliberalen Schweizer Publizisten Roger de Weck über »Glanz und Elend der Konservativen«, dann würden diese ganz entscheidend zur »Resilienz« unserer »durchgeschüttelten Gesellschaft« beitragen. Niemand könne »die Demokratie wirksamer verteidigen oder aber massiver schwächen« als die Konservativen. Ein ungewöhnliches Lob, das man inzwischen auch aus der Wissenschaft hört. »Wo der gemäßigte Konservatismus den Halt« verliere, kann man fast wortgleich den Frankfurter Politikprofessor Thomas Biebricher zitieren, da drohe »auch die liberale Demokratie ins Wanken zu geraten.« Man lese und staune: Die Konservativen sind plötzlich das wirksamste Bollwerk gegen die Extremisten von rechts. Und nicht genug: Ihnen fällt die Rolle des politischen Gatekeepers zu, der entscheidet, was demokratisch vertretbar ist und was nicht. Womit die Konservativen plötzlich die Verantwortung für die politische Brandmauer tragen und alleine sortieren müssen, was sie noch sein dürfen und was nicht.

Und weil er ihnen trotzdem nicht so ganz über den Weg traut, listet Roger de Weck penibel all die Kriterien auf, die ein kompatibler Konservatismus erfüllen müsse, damit der linksliberale Zeitgeist nicht mit ihm fremdelt. Was natürlich sehr raffiniert ist, aber auch schon das erste Missverständnis enthält. Zum Konservativen wird man eben nicht, indem man Gesinnungslisten studiert und Haltungsnoten erfüllt. Der Konservative hat – so man ihn überhaupt verallgemeinern darf – eine fast natürliche Abneigung gegenüber Gesellschaftsmodellen, linken zumal; und er hütet sich in der Regel vor ideologischen Bekenntnissen, auch wenn man ihn gerne des obsessiven Kulturkampfs bezichtigt. Entscheidend aber, ob man zum Konservativen wird, ist die unmittelbare Anschauung; die Wahrnehmung dessen, was vor den eigenen Augen passiert. Von einem ausgeprägten Realitätssinn könnte man also sprechen.

So bin ich selbst noch während meiner Schulzeit zum Konservativen geworden, der mit Gleichgesinnten verhindern wollte, dass seine Heimatstadt der Spitzhacke einer sinnlosen Modernisierung zum Opfer fiel. Wir hielten das damals für revolutionär und schreckten mit Lust die herrschenden Parteien im Stadtparlament auf. Wenn man mir damals gesagt hätte, dass ich deswegen ein Konservativer sei, hätte ich mit Vehemenz widersprochen. Damals kam die Rede von den Bürgerinitiativen auf und wir hielten den zivilen Ungehorsam für unsere bürgerliche Pflicht. Dass meine Heimatgemeinde heute froh ist, ihr historisches Stadtbild erhalten zu haben, erfüllt mich bis heute mit Stolz. Aber wie oft mussten wir uns in jenen schrecklich betongrauen Jahren eingestehen, dass sich nicht retten ließ, was vielleicht doch zu retten gewesen wäre. Der moderne Zeitgeist zeigte zu oft seine brutalen Züge.

So war man in meiner Nachbarstadt mit ihrer im Krieg unversehrt gebliebenen Barockarchitektur im Gegensatz stolz, das alte Barock mit neuem Beton verschmolzen zu haben. Übrig geblieben davon sind die Reste einer verfehlten Stadtpolitik, die man heute mit Entsetzen betrachtet.

Auch das gehört wesentlich zum Konservativsein. Die Trauer über die vielen Verluste, das fortwährende Eingeständnis, wie sehr das Fortschrittsversprechen doch häufig ein trügerisches war. Man kann das als »Emphase der Gegenaufklärung« empfinden, womöglich gar als einen »Akt der Auflehnung gegen die Totalherrschaft der Gegenwart«, wie Botho Strauß es einst zum Entsetzen seiner Kritiker formulierte. Am Beginn des Konservativseins steht trotzdem häufig ein Kopfschütteln über gesellschaftliche und politische Trends, deren verheerende Folgen man hätte absehen können.

Will man der gängigen Erzählung glauben, dann gründet der Konservatismus (das Wort kam sehr viel später auf) im Erschrecken über die blutigen Auswüchse der Französischen Revolution. Jener maßlose Terror, in den diese historische Umwälzung mündete, soll die Urerfahrung von Beobachtern wie dem legendären Edmund Burke gewesen sein, der als der Stammvater des konservativen Denkens gilt. Geblieben davon ist die habituelle Behutsamkeit, die man den Konservativen nachsagt, ihr Bewusstsein für Maß und Mitte und ihr Glaube daran, dass sich Veränderungen allmählich und keineswegs disruptiv vollziehen – noch vor wenigen Jahren das Modewort für den radikalen Abriss alles Gewohnten.

Wenn man im linksliberalen Gesinnungsmilieu plötzlich Sympathien für das Konservative entdeckt, dann mag das auch taktischer Natur sein. Weil man sieht, wie die eigene politische Eisscholle schmilzt, und man plötzlich erkennen muss, dass es ohne die einst so geschmähten Konservativen nicht mehr geht. Aber eine rein taktische Betrachtungsweise griffe zu kurz. Die einst progressive gesellschaftliche Mitte ist inzwischen selbst in die Jahre gekommen, hält krampfhaft fest an dem, was sie besitzt, und ist zum konservativen Besitzstandswahrer geworden. Das Buch von Roger de Weck ist das beste Beispiel dafür. Weil der Autor nicht neugierig ist, weil er schulmeisterlich auflistet, unter welchen Bedingungen die neue Seelenverwandtschaft nur gelingen kann. Zuvörderst müssten sich die Konservativen natürlich von ihrer »posttraumatischen« Fixierung auf die »68er« lösen und endlich begreifen: Der Feind sind heute die »Antiwoken von rechts«.

Wahre Konservative, so zitiert er mit Nathanael Liminski einen Gewährsmann aus der Union, wollen deshalb nicht rückwärts schauen, sondern lieber nach vorne gestalten, nur eben ein bisschen sanfter und mit Mitte und Maß. »Die Konservativen leben also noch«, wird man an eine Bemerkung des früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch erinnert, »sie wissen nur nicht mehr so genau, warum.«

Ihr Pragmatismus scheint zum Erhalt der politischen Mehrheiten hochwillkommen zu sein. Mit ihren Ideen und Traditionen, mit ihrer Skepsis gegenüber einer sich dramatisch verändernden Welt will man dagegen weiterhin nichts zu schaffen haben. Es ist ein bis hinein ins Habituelle entleerter Konservatismus, den man jetzt braucht. Was zu einer womöglich schmerzhaften Aussöhnung hätte führen können, wird zum durchsichtigen Manöver. Wer die demokratische Mitte unserer Gesellschaft aber tatsächlich stärken will, der reduziere sie besser nicht länger auf das alte, das sattsam bekannte linksliberale Projekt. Darin war lange kein Platz für die Konservativen. Man weine ihnen besser keine Krokodilstränen nach.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11-12/2026