Oktober 2024: Im Schaufenster des Goethe-Instituts Budapest steht »Freiheit« als Jahresmotto. Im Saal wird Angela Merkel später mit Schülerinnen und Schülern zu ihrem Buch mit gleichnamigem Titel diskutieren – das letzte Programm im Haus, bevor das Institut ins Herz der Stadt umzieht. Die Diskussion im Januar 2026 zum Free Media Award, der für mutigen Investigativjournalismus an ungarische Reporterinnen und Reporter verliehen wurde, ist ebenso Teil der Eröffnung des neuen Standorts wie ein Gespräch mit Karl Schlögel zur Rolle Ungarns in Europa nach den Wahlen im Mai 2026. Ein Davor und Danach, diesmal unter dem Jahresmotto »Neustart«. Die politische Konnotation dieses Mottos stand zum Zeitpunkt des Umzugs, für den es zunächst entwickelt wurde, noch gar nicht fest.

Die Wahl am 12. April 2026 verändert Ungarn radikal: Es herrscht Aufbruchstimmung, während in anderen Ländern die autoritären Tendenzen zunehmen. War Ungarn lange Blaupause für den Weg ins Autoritäre, häufen sich jetzt die Stimmen, die Ungarns Weg zurück zu mehr Liberalität und kritischem öffentlichem Diskurs sogar als Modell für andere europäische Staaten wähnen. Ein »Neustart« eben.

Nach 16 Jahren Viktor Orbán werden Staat und Gesellschaft neu organisiert. Seit 2010 hatte seine Regierung Politik, Medien und Kultur stark zentralisiert, um nationale Traditionen und Souveränität gegenüber der EU zu betonen. Kritiker bemängelten die zunehmende staatliche Einflussnahme auf öffentliche Medien, Universitäten und Kultur, nicht zuletzt auch die Verteilung von Fördergeldern an regierungsnahe Kulturakteure.

Mit Vereidigung der neuen Regierung unter Péter Magyar am 12. Mai erhält der Kultursektor wieder ein eigenständiges Ministerium, erstmals seit 2010. Für internationale Kulturarbeit zeichnet sich eine Wende hin zu einer stärkeren europäischen Zusammenarbeit, mehr institutioneller Unabhängigkeit und transparenterer Förderpraxis ab. Erste Reformen bei den Aufsichtsstrukturen für Medien- und Kultureinrichtungen signalisieren den politischen Willen zur Veränderung. Die meisten staatlichen Kulturinstitutionen arbeiten aber weiterhin in den bisherigen Strukturen. Eine grundlegende kulturpolitische Neuausrichtung steht daher noch aus.

Doch besteht die Hoffnung, dass die neue ungarische Regierung auf wirksame öffentliche Kulturförderung setzt und kritische zeitgenössische Stimmen Unterstützung erfahren. Auch die zukünftige Besetzung von Leitungspositionen sollte nicht mehr ausschließlich nach parteipolitischen Kriterien erfolgen. So wird für internationale Partner wie das Goethe-Institut die Zusammenarbeit auch mit staatlichen Institutionen wieder reizvoller. Kulturpolitik könnte wieder als Instrument echter gesellschaftlicher Teilhabe, lokaler Entwicklung und internationaler Kooperation operieren. Vor allem, wenn ungarische Kulturinstitutionen verstärkt in europäische Netzwerke und Förderprogramme eingebunden würden.

Das Goethe-Institut Ungarn hat in den vergangenen Jahren primär mit unabhängigen Kulturschaffenden zusammengearbeitet. Die Kulturszene wirkt als Seismograf für gesellschaftliche Stimmungen. Die kreative Szene hat mit dem Goethe-Institut als Partner internationale Bindungen aufrechterhalten. Manche von ihnen, z. B. das Kuratorinnenteam der OFF-Biennale Budapest, haben strategisch staatliche Förderungen sogar abgelehnt, um ihre künstlerische Unabhängigkeit sicherzustellen.

Die unabhängige Kulturszene war in den vergangenen 16 Jahren Raum für offenen Austausch und Labor für neue Perspektiven. Ihre besondere Stärke ist ihre Resilienz. Selbst unter schwierigen Bedingungen entwickelte sie aus dem kritischen Diskurs heraus Zukunftsentwürfe. Gegen Ende der Orbán-Ära verlagerten sich Kulturdiskurse und kleinere Produktionen zunehmend aus dem öffentlichen Raum in private Kontexte. Auch das Goethe-Institut wurde als geschützter Ort wahrgenommen: In Übersetzer-, Literatur- und Kommunikationsworkshops konnte eine offene Diskussionskultur gepflegt werden, um kritische Kulturpraxis zu pflegen – ohne Sorge, dafür öffentlich registriert oder gar stigmatisiert zu werden.

Internationale Koproduktionen eröffneten ungarischen Kulturschaffenden Anschluss an europäische Entwicklungen: Mit einer Inszenierung von »Herrscht« des Literaturnobelpreisträgers László Krasznahorkai griffen das Theaterhaus Jena und Örkény Színház in Budapest den europaweiten Rechtsruck und dessen gesellschaftliche Folgen für die Demokratie auf. Unter Orbán kam es 2020 zu Protesten gegen Umstellungen im Bildungsbereich. Studierende und Lehrende protestierten gegen die befürchtete politische Einflussnahme und den Verlust der akademischen Autonomie, darunter auch im Film- und Theaterbereich. Hierauf hin wurde zusammen mit der Filmakademie Baden-Württemberg das Projekt »Pitch-It« initiiert, das aufstrebende, kritische Filmschaffende der Region bei ihren ersten Schritten in die Filmindustrie unterstützt und mit europäischen Filmemacherinnen und Filmemachern vernetzt.

Auch im gegenwärtigen Transformationsprozess haben internationale Verbindungen und regelmäßiger Austausch eine wichtige Bedeutung für zivilgesellschaftliche Organisationen und den Kultur- und Medienbereich. Den Wunsch nach Partizipation merkt das Goethe-Institut auch anhand des großen Echos auf die Öffnung des Instituts für Grassroots-Aktivitäten. Auch die aktuell hohe Nachfrage nach Medienkompetenz-Angeboten verweist auf Defizite, die sich in den vergangenen Jahren u. a. in der Journalismusausbildung und der Medienlandschaft verstärkt haben. Ein neues Projekt zu Kindermedien soll diese aufgreifen, um den Aufbau nachhaltiger Strukturen zu unterstützen. Hier baut das Kulturinstitut auch auf den initiierten Verbindungen der letzten Jahre auf.

Deutschland bleibt ein wichtiger Anziehungspunkt für ungarische Kulturschaffende. Die traditionell engen deutsch-ungarischen Kulturbeziehungen haben tragfähige Netzwerke hervorgebracht, die den Neustart der Kultur und Medien mitgestalten. Wie so oft entfalten liberale Impulse angesichts schwieriger Bedingungen in Ungarn ihre besondere Strahlkraft: Kultur- und Medienschaffende, die die Kunst-, Meinungs- und Pressefreiheit in den letzten Jahren vehement verteidigt haben, könnten zum Erfolg der Re-Demokratisierung Ungarns entscheidend beitragen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9-10/2026