Die FAZ titelte kürzlich: »Wenig Euphorie zwischen Warschau und Berlin«. Es ging um den deutsch-polnischen Nachbarschaftsvertrag, der vor 35 Jahren geschlossen worden war. Der Korrespondent bemängelte, dass es offensichtlich noch nicht gelungen sei, »die Beziehungen zu Deutschlands größtem östlichen Nachbarland so zu vertiefen wie zu Nachbarn im Norden, Westen und Süden«. Dieser Artikel hat mich sehr nachdenklich gemacht, denn kulturell erfährt der Austausch eine bemerkenswerte Intensität. Gerade Berlin und Warschau verbindet eine durchaus euphorische Partnerschaft.
Warschau hat sich zu einem der spannendsten Kulturstandorte Europas entwickelt. Mit der Eröffnung des neuen Museums für Moderne Kunst (MSN) setzt die polnische Hauptstadt ein starkes Zeichen für die Gegenwartskunst. Dass Berlin und Warschau heute nur wenige Zugstunden voneinander entfernt liegen, eröffnet beste Voraussetzungen für gemeinsame Projekte und kulturellen Austausch.
Ich freue mich jedenfalls sehr darüber, dass wir diese Verbindung in diesem Jahr mit einem sommerlichen Open-Air-Konzert auf der Museumsinsel feiern konnten, initiiert und durchgeführt vom Deutschen Polen-Institut. Mit Klaviermusik des großen polnischen Komponisten Frédéric Chopin schlug das Konzert eine Brücke zu den legendären Chopin-Konzerten im Łazienki-Park in Warschau. Im Programm waren aber auch, sicher nicht zufällig, Französische Suiten von Johann Sebastian Bach – Deutschland, Polen, Frankreich: das »Weimarer Dreieck«, das 2026 übrigens ebenfalls 35 Jahre alt wird, erklang in Berlin-Mitte.
Die jahrhundertelangen Auseinandersetzungen Deutschlands mit seinen beiden Nachbarländern in West und Ost, Frankreich und Polen, die im 20. Jahrhundert in der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs mit brutalen und blutigen Überfällen Nazi-Deutschlands gipfelten, ließen im Deutschen Bundestag 1989 den Kabarettisten Manfred Neuss zitieren: »Wie kann ich wirklich was für Europa tun? Und wenn Du mich einen Landesverräter nennst – das Beste wäre für Europa, wenn Frankreich bis an die Elbe reicht und Polen direkt an Frankreich grenzt.«
Das ist natürlich Satire, aber wenn Deutschland eines gelernt haben sollte, dann, wie wichtig ein gutes, freundschaftliches Verhältnis gerade auch zu Polen ist. Der kulturelle Austausch könnte hier ein Vorbild sein für das, was vielleicht in den Beziehungen noch getan werden muss – vom Ausbau der Schienenwege bis zur Kooperation in Sicherheitsfragen.
Für die Stärkung des Zusammenhalts in Europa sind diese Freundschaften zu unseren unmittelbaren Nachbarn essenziell und darum ist es uns im 21. Jahrhundert ein zentrales Anliegen, daran zu arbeiten – gerade auch in Richtung Osten. In den kommenden Jahren werden wir ganz bewusst einen Schwerpunkt auf die Beziehungen zu unseren Nachbarn in Mittel- und Osteuropa setzen. Insbesondere was Polen angeht, haben wir bereits vielfältige, langgewachsene Verbindungen, aber auch historische Lasten, die noch aufzuarbeiten sind.
Die historischen Verflechtungen Deutschlands mit seinem größten östlichen Nachbarland zeigen sich in wohl wenigen anderen Institutionen so deutlich wie in den Museen, Bibliotheken, Archiven und Forschungsinstituten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK). Das historische Preußen und Polen waren über Jahrhunderte direkte Nachbarn, deren Grenzen sich ständig verschoben. Preußische Geschichte lässt sich nicht ohne ihre polnischen Bezüge erzählen – und so ist die wechselvolle gemeinsame Vergangenheit für uns längst zur Basis für eine lebendige, zukunftsgerichtete Zusammenarbeit mit unseren polnischen Partnerinnen und Partnern geworden. Wo früher Grenzen gewaltsam verschoben und Kulturgüter nicht immer im beidseitigen Einverständnis Ort und Eigentümer wechselten, betreiben wir heute gemeinsame Provenienzforschung und wissenschaftlichen Austausch, entwickeln Ausstellungen, halten uns gegenseitig auf dem Laufenden.
Fragen über Objekte aus polnischen Sammlungen, die infolge des Zweiten Weltkriegs in den Besitz der SPK gelangt waren, standen jedoch lange ungelöst im Raum. Umso glücklicher bin ich, dass wir in diesem Jahr die ersten Rückgaben durchführen konnten. Aus dem Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz und der Staatsbibliothek zu Berlin konnten in den vergangenen Monaten bedeutende Schriftstücke nach Polen zurückkehren. Nach 73 Deutschordensurkunden, die während der deutschen Besatzungszeit unrechtmäßig aus dem Warschauer Hauptarchiv entnommen wurden und über mehrere Zwischenstationen von Warschau nach Berlin-Dahlem gelangten und die wir im vergangenen Dezember restituierten, folgte im Juni ein mittelalterliches Manuskript aus Pergamentblättern mit einer frühen Niederschrift der Hymne »Gaude Mater Polonia«. Ursprünglich stammte sie aus der Bibliothek eines polnischen Priesterseminars, deren Bestände während des Zweiten Weltkriegs geplündert und weitgehend zerstört worden waren. Es war ein bewegender Moment, das Manuskript im Weltsaal des Auswärtigen Amtes in die Obhut der polnischen Kulturministerin, Marta Cienkowska, zu übergeben.
Doch es sind mitnichten die bloßen Rückgaben und die Wiedergutmachungen von Verfehlungen in der Vergangenheit, die unsere Zusammenarbeit mit polnischen Partnerinnen und Partnern ausmachen; es geht auch um Verbindungen und Projekte mit Blick in die Zukunft, zu Themen, für die beide Seiten brennen. Ganz aktuell startet etwa die Staatsbibliothek im Rahmen eines Projekts der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) eine groß angelegte Kooperation mit vier polnischen Bibliotheken, um rund 16.000 Drucke des 16. bis 18. Jahrhunderts zu erschließen und zu digitalisieren – im Ergebnis werden bedeutende Bestände des frühneuzeitlichen Bucherbes für die Forschung wesentlich besser nutzbar sein.
Und ein paar Häuser weiter, auf der Museumsinsel, ist das Nationalmuseum Warschau, eines der größten und ältesten Museen Polens, für mehr als ein halbes Jahr zu Gast. Denn in ihrer neuen Kabinettreihe »InterNationalgalerie« lädt die Alte Nationalgalerie über die nächsten Jahre Nationalgalerien und Nationalmuseen aus aller Welt ein, sich und ihre Sammlungen im Haus vorzustellen und dabei Fragen zu reflektieren, die all diese Häuser in ähnlicher Weise betreffen: Was ist ein Nationalmuseum? Wie kontextualisiert es seine Sammlungen? Wie entwickelt es seine Programme weiter – im Sinne einer zukunftsgerichteten Museumsarbeit, die sich stets verändernden Fragen und immer wieder neuen Herausforderungen stellt?
Den Auftakt dieser Reihe machen unsere polnischen Kolleginnen und Kollegen. Unter dem Titel »Die Erfindung der Mythen« sind in der Alten Nationalgalerie nun acht Werke aus dem Warschauer Museum zu sehen. Sie erzählen von den sich wandelnden kulturellen und politischen Bedingungen Polens und verhandeln dabei Fragen zu Freiheit, Kunst und Künstlerdasein über einen Zeitraum von drei Jahrhunderten. Verglichen damit sind die 35 Jahre, die wir in diesem Jahr feiern, nur ein kurzer Zeitraum – und auch wenn die Freundschaft noch jung ist, spürt man ihre gestaltende Kraft, von der wir jetzt und in Zukunft noch einiges erwarten dürfen.