Eine Sprachprüfung in Hanoi, ein Forschungsstipendium für eine Wissenschaftlerin aus Indien oder eine Deutsche Auslandsschule in Bogotá. Warum sollten wir all das mit deutschen Steuergeldern mitfinanzieren? Das ist doch weit entfernt von den konkreten Herausforderungen in Deutschland.
Kaum eine Debatte hat dieses Unbehagen in den letzten Jahren so wirkmächtig auf den Punkt gebracht wie die berüchtigten »Radwege in Peru«, die zur Chiffre geworden sind für eine grundsätzliche Frage an internationales Engagement: Warum investieren wir deutsches Geld weit entfernt von Deutschland? Diese Frage sollten wir nicht abwehren. Sie ist legitim. Und sie begegnet uns daher in der Auswärtigen Kultur- und Bildungspolitik (AKBP) immer wieder. Gerade in Zeiten knapper Haushalte und wachsender internationaler Herausforderungen müssen wir überzeugend erklären können, welchen Interessen unser internationales Engagement dient. Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik ist weder Gegenentwurf zu einer interessengeleiteten Außenpolitik noch deren schmückendes Beiwerk. Sie ist Außenpolitik. Und sie dient deutschen Interessen. Außenminister Wadephul hat die übergeordneten Ziele unserer Außenpolitik in einem Dreiklang zusammengefasst: Freiheit, Sicherheit und Wohlstand. Daran orientiert sich auch unsere AKBP.
Freiheit
Freiheit ist seit jeher Wesenskern unserer AKBP. Unsere Mittler und Partner wie Deutsche Auslandsschulen, Goethe-Institute und DAAD ermöglichen es Menschen, frei zu lernen, zu forschen, zu diskutieren und künstlerisch zu arbeiten. Wo diese Freiheiten eingeschränkt werden, wächst ihre Bedeutung. Gerade deshalb halten wir am Prinzip einer mittlerbasierten AKBP fest. Das schafft Glaubwürdigkeit und ermöglicht Zugänge zu Menschen und Gesellschaften, die staatliche Akteure allein häufig nicht erreichen. Wir müssen dabei auch Kritik aushalten können. Dass bei den von uns geförderten Begegnungen kontrovers über Deutschland diskutiert wird, steht nicht im Widerspruch zu unseren Interessen. Es ist Ausdruck dessen, wofür unser Land steht. Das entbindet uns als Auswärtiges Amt jedoch nicht von der Aufgabe, strategische Orientierung zu geben. Wir richten die Instrumente der AKBP deshalb konsequenter an unseren außenpolitischen Zielen und Prioritäten aus. Einen wichtigen Schritt haben wir mit der im Sommer umgesetzten Strukturreform des Auswärtigen Amts getan: Die bilaterale Kultur- und Bildungspolitik wurde in die Regionalabteilungen integriert – und damit enger mit unserer jeweiligen Länderpolitik verzahnt. Zugleich haben wir die strategische Steuerung unserer Mittlerorganisationen gebündelt und gestärkt. Sie bleibt bewusst in unserer auf Kultur und Kommunikation spezialisierten Abteilung verankert. Unser Ziel ist eine AKBP, die klarer an unseren außenpolitischen Interessen ausgerichtet ist und zugleich jene Freiräume bewahrt, aus denen sie einen wesentlichen Teil ihrer Wirkung bezieht.
Sicherheit
Sicherheit wird längst nicht mehr ausschließlich militärisch gedacht. Einflussnahme findet heute auch im Informationsraum statt. Desinformation soll Vertrauen zerstören, Gesellschaften polarisieren und demokratische Institutionen schwächen. Der gute Ruf unseres Landes und unseres Engagements im Ausland wird gezielt untergraben. Wir konkurrieren weltweit immer härter um Narrative, Aufmerksamkeit und Einfluss. Strategische Kommunikation wird deshalb noch stärker als bisher zu einer zentralen Aufgabe unserer Außenpolitik – und damit auch der AKBP, die unsere Werte für Dritte konkret erfahrbar macht. Wir müssen besser verstehen, wie Deutschland in unterschiedlichen Teilen der Welt wahrgenommen wird und unsere Positionen überzeugender vermitteln. Denn Deutschland erklärt sich nicht mehr von selbst. Unsere Mittler und Partner erreichen dabei Menschen und gesellschaftliche Gruppen, zu denen staatliche Kommunikation allein keinen Zugang hat. Wir wollen ein Deutschlandbild vermitteln, das unsere freiheitlich-demokratischen Werte ebenso widerspiegelt wie unsere historische Verantwortung und zu einer positiven Wahrnehmung Deutschlands beiträgt. Die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz verändert derweil grundlegend, wie Informationen entstehen und verbreitet werden. Mit generativer KI können täuschend echte Texte, Bilder, Stimmen und Videos in großer Menge und zu geringen Kosten produziert werden. Damit wachsen auch die Möglichkeiten für Desinformation. Die Frage, welchen Informationen wir vertrauen können, wird zu einer Kernfrage gesellschaftlicher Resilienz. Für die AKBP folgt daraus ein doppelter Auftrag. Wir müssen gemeinsam mit unseren Partnern Medien- und Informationskompetenz, freie Debatten und den Zugang zu verlässlichen Informationen stärken. Zugleich sollten wir die Chancen der Technologie nutzen und internationale KI-Netzwerke stärker für Deutschland erschließen. Denn der globale Wettbewerb um Künstliche Intelligenz ist auch ein Wettbewerb um die besten Köpfe und technologische Standards. Wissenschafts- und Kulturdiplomatie können dazu beitragen, Forschende, Kreative und technologische Vordenker untereinander und mit Deutschland zu vernetzen.
Wohlstand
Deutschland braucht internationale Studierende, Fachkräfte, Spitzenforscherinnen und -forscher und Unternehmerinnen und Unternehmer. Dabei können wir auf ein Kapital zurückgreifen, das wir über Jahrzehnte aufgebaut haben: die weltweiten Netzwerke unserer AKBP. Allein der DAAD zählt rund 460.000 Alumni, die Alexander von Humboldt-Stiftung gut 30.000. Hinzu kommen die Netzwerke des Goethe-Instituts, der Deutschen Auslandsschulen und vieler weiterer Mittler und Partner. Was daraus entstehen kann, zeigen konkrete Biografien: Mehrere ehemalige Schülerinnen und Schüler Deutscher Auslandsschulen wurden später Staats- oder Regierungschefs ihrer Herkunftsländer. Viele weitere haben herausgehobene Funktionen in Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft. Unter den Alumni der Alexander von Humboldt-Stiftung finden sich 64 Nobelpreisträgerinnen und Nobelpreisträger. Mit dem Astrophysiker Francis Halzen ist gerade erst ein weiterer hinzugekommen. Wir wollen deshalb unsere über Jahrzehnte gewachsenen Netzwerke künftig noch systematischer pflegen und nutzen. Wir müssen besser wissen, wen wir über unsere Programme erreicht haben, Menschen stärker miteinander verbinden und Beziehungen über das Ende einzelner Förderungen hinaus erhalten. Weil persönliche Beziehungen unserer Außenpolitik Zugänge und Handlungsmöglichkeiten eröffnen.
Auch der wirtschaftliche Nutzen unserer AKBP lässt sich konkret belegen: Drei Viertel der befragten deutschen Unternehmen bewerteten Deutsche Auslandsschulen 2025 als wichtigen oder sehr wichtigen Standortfaktor für die Personalrekrutierung. Und eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft beziffert die langfristige Wertschöpfung je 1.000 internationale Studienanfänger auf bis zu 1,77 Milliarden Euro. Die Entscheidung für Deutschland fällt häufig lange vor dem Arbeitsvertrag oder dem Visumantrag. Sie beginnt nicht selten in einem Klassenzimmer einer Deutschen Auslandsschule oder in einem Deutschkurs des Goethe-Instituts.
Und wer anschließend in sein Herkunftsland zurückkehrt, ist für Deutschland keineswegs verloren: Diese Menschen bleiben Teil von Netzwerken, die uns mit Wissenschaft, Wirtschaft und Politik anderer Länder verbinden. Diese Beziehungen über Jahrzehnte zu pflegen, muss deshalb zu einem Leitprinzip unserer künftigen AKBP werden: nicht nur einzelne Programme und Projekte zu fördern, sondern langfristig in Biografien und Netzwerke zu investieren.
Nicht weniger ambitioniert, sondern gezielter
Die Aufgaben unserer AKBP werden nicht kleiner: Wir wollen Freiräume schützen, Desinformation begegnen, Talente für Deutschland gewinnen, Wissenschaftskooperation ermöglichen und neue Themen wie Künstliche Intelligenz aufgreifen. Gleichzeitig werden die finanziellen Spielräume enger. Das ist eine Realität, der wir uns stellen müssen. Deshalb können wir auf neue Herausforderungen nicht immer mit neuen Programmen reagieren und zugleich alles Gewachsene unverändert fortführen. Wir müssen Prioritäten setzen. Denn unser Anspruch ist nicht eine weniger ambitionierte, sondern eine gezieltere AKBP. Das bedeutet, zentrale Strukturen und Netzwerke zu sichern, die Zusammenarbeit zwischen unseren Mittlern, Auslandsvertretungen und ihren Partnern vor Ort zu stärken und unsere Ressourcen dort einzusetzen, wo sie einen besonderen außenpolitischen Mehrwert entfalten.
Und damit zurück zur Frage vom Anfang: Was bringt uns das eigentlich? Eine Sprachprüfung in Hanoi, ein Forschungsstipendium für eine Wissenschaftlerin aus Indien oder eine Deutsche Auslandsschule in Bogotá sind zunächst weit entfernt von Deutschland. Wenn daraus aber Menschen hervorgehen, die unsere Sprache sprechen, hier arbeiten und forschen, mit deutschen Unternehmen kooperieren, unsere Gesellschaft kennen oder Deutschland auch in schwierigen Zeiten verbunden bleiben, dann stärken diese Beziehungen unsere Freiheit, unsere Sicherheit und unseren Wohlstand. Genau darin liegt die Stärke der AKBP: Sie schafft heute Beziehungen, von denen Deutschland morgen profitiert.