Seit Jahrzehnten arbeitet Iris Berben nicht nur sehr erfolgreich als Schauspielerin, sondern setzt sich beharrlich gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus sowie für Erinnerungskultur, jüdisches Leben und demokratische Bildung ein. Der Deutsche Kulturrat zeichnet sie dafür mit dem Deutschen Kulturpolitikpreis 2026 aus. Anlässlich der Preisverleihung spricht Theresa Brüheim mit Iris Berben über ihre Schauspielerfahrungen, neue Filme, Frauenbilder und ihr gesellschaftliches Engagement.

Theresa Brüheim: Ende Februar dieses Jahres ist der Film »Ein fast perfekter Antrag« in die Kinos gekommen. Sie spielen darin die Kunstprofessorin Alice. Der Film erzählt auch von einer späten Liebe und von der Bereitschaft, etwas Neues zu wagen. Was kann ein Mensch mit zunehmendem Alter vielleicht besser neu beginnen als ein junger Mensch?

Iris Berben: Ich glaube, man kann klarer fokussieren und seine Unwissenheit, seine Vorurteile, seine Beeinflussung von außen ausgrenzen. Man hat Erfahrungen gemacht und weiß besser, wie man mit Angst, Unsicherheit oder Respekt vor etwas umgeht. Man kann versuchen, das zu analysieren und damit zu arbeiten.

Wenn man sehr jung ist, fehlt einem vielleicht noch diese Grundlage. Im Alter kann man sich selbst einen klareren Weg vorgeben, weil man weiß, wie man Dingen begegnet. Die Hemmungen, die man vielleicht als junger Mensch hat, besetzt man anders – mit seiner Erfahrung.

Man besetzt Hemmungen mit Erfahrung – sehr schön. Sie blicken inzwischen auf fast 60 Jahre Schauspielerfahrung zurück. Was trägt eine Karriere über Jahrzehnte?

Ich glaube nicht, dass es darauf eine allgemeingültige Antwort gibt. Die Zeiten haben sich verändert, auch die Wertigkeiten in unserer Branche.

Ich kann nur sagen, was mich so lange gehalten hat: Aushalten und Durchhalten, verbunden mit Neugierde, Lust und Respekt vor diesem Beruf. Aber auch die Bereitschaft, sich immer wieder auf Neuland einzulassen, eingetretene Wege zu verlassen, lernfähig und korrekturfähig zu bleiben und sich mit neuen Generationen auseinanderzusetzen. Mich hat natürlich auch die 68er-Bewegung geprägt: das Hinterfragen, das Nachhaken, Verantwortung übernehmen. Und ich habe schon früh gefragt: Was ist eigentlich ein Frauenbild? Wann hört eine Frau auf, sichtbar zu sein? Nicht nur als Schauspielerin, sondern als Frau in der Gesellschaft.

Aushalten, durchhalten, lernfähig bleiben und eine unbändige Lust an diesem Beruf haben – vielleicht sind das ein paar der Mosaiksteine.

Es kommt in einer Schauspielkarriere immer wieder vor, dass das Publikum nach einer bestimmten Rolle anders auf die Schauspielerin oder den Schauspieler blickt. Gab es aber auch eine Rolle, nach der Sie sich selbst anders gesehen haben?

Ich kann das gar nicht an einer einzigen Rolle festmachen. Aber es begann sicher damit, dass ich schon mit Mitte 40 große historische Frauenfiguren gespielt habe – Bethsy Buddenbrook, Bertha Krupp oder Cosima Wagner.

Das Vertrauen, das ich damals bekam, mir diese Figuren zu erarbeiten und mich in den Kontext ihrer Zeit zu setzen, hat mir andere Möglichkeiten eröffnet. Bei historischen Figuren, aber auch bei Menschen, die einem in der Gegenwart sehr fern sind, muss man fragen: Wie nähert man sich ihnen? Man muss ihr Umfeld, ihre Zeit, die Komplexität ihrer Lebensumstände verstehen.

Dieser Beruf war für mich immer auch ein Türöffner ins Leben: für unterschiedliche Lebensformen, Biografien und für die Frage, wie man Gesellschaft und Veränderungen wahrnimmt.

Sie haben in sehr unterschiedlichen Genres gespielt. Was macht heute für Sie eine Rolle noch interessant?

Ich habe keine große Lust mehr, mich zu wiederholen. Mit bald 76 empfinde ich die Rollen, die jetzt noch kommen, fast wie eine Zugabe. Damit hatte ich nicht unbedingt gerechnet – obwohl ich immer dafür eingestanden bin, dass Frauen auch im Alter sichtbar bleiben.

Mich reizen Projekte, bei denen ich wieder in eine Anstrengung gehen muss. Ich finde Anstrengung sehr produktiv. Warum ist etwas anstrengend? Weil ich es nicht kenne, weil ich noch nicht weiß, wie es geht, weil ich den Weg noch nicht gefunden habe.

Dieses Erarbeiten finde ich manchmal fast spannender als die eigentliche Arbeit. Wie komme ich einer Figur nahe? Wie finden wir als Team zusammen? Ich will mich überraschen lassen – auch von mir selbst. Dann ist die beste Voraussetzung da, dass man mich für ein Projekt bekommt.

Wie sieht dieser spannende Weg zu einer Figur konkret aus?

Ich teste mich aus und suche Schnittstellen zu meinem eigenen Leben. Und wenn es keine gibt, versuche ich andere Wege zu finden.

Manchmal baue ich mir eine Biografie für eine Figur. Denn ich springe ja in ein Leben hinein, das schon ganz viel Leben vorher hatte. Ich frage mich: Was ist vorher passiert? Was war ihr Werdegang? Wie kann ich sie von dem Moment an, in dem der Film einsetzt, möglichst wahrhaftig darstellen? Das mache ich manchmal allein, manchmal im Gespräch mit Autorinnen und Autoren, Regisseurinnen und Regisseuren oder mit meinen Partnerinnen und Partnern.

Und man muss versuchen, die eigenen Eitelkeiten außen vor zu lassen. Nach so vielen Jahrzehnten kennt man Mechanismen, von denen man weiß, dass sie funktionieren. Davon muss man sich freimachen. Man sollte nicht sich selbst in die Rolle hineintragen, sondern mit der Figur verschmelzen. Ob das gelingt, weiß man nie. Aber diese Suche ist schön. Sie hat auch immer viel mit Selbstanalyse zu tun – und Selbstironie ist übrigens ein sehr guter Weg, sich selbst und Situationen kennenzulernen.

In »Die dritte Hochzeit« spielen Sie eine 70-jährige Unternehmerin, die einen deutlich jüngeren Mann heiratet. Wie häufig begegnen Ihnen inzwischen Rollen, die ältere Frauen selbstverständlich als Liebende, Handelnde und Begehrende zeigen?

Sie begegnen mir, aber nicht oft genug. Solange wir darüber sprechen müssen, ist diese Selbstverständlichkeit gesellschaftlich noch nicht da. Bei einem Mann, der eine deutlich jüngere Frau heiratet, wird das nicht hinterfragt. Bei einer Frau schon. Und es gibt noch immer nicht genügend Geschichten über Frauen jenseits der 40, 50 oder 60, in denen sie ihre eigenen Geschichten erzählen.

Ich möchte nicht nur die patente, lustige, schräge oder liebliche Großmutter spielen. Da ist ein Mensch mit eigenen Wünschen, Vorstellungen und Bedürfnissen. Die hören nicht auf.

Die Streaminganbieter haben uns da einiges eröffnet. Gerade in den USA wurden plötzlich große Frauenrollen erzählt, und es entstand eine ganze Welt von Geschichten über Frauen, die lange überhaupt kein Thema waren. Und diese Geschichten sind ebenso erzählenswert wie alle anderen. Aber wir sind noch nicht angekommen. Wir haben noch viel Luft nach oben.

Wenn Sie auf die vergangenen Jahrzehnte im deutschen Film zurückblicken: Was hat sich auf dem Weg zu mehr Geschlechtergerechtigkeit wirklich verändert?

Es gibt deutlich mehr Regisseurinnen und mehr Frauen in verantwortlichen Positionen. Aber bei der Vergabe von Stoffen und finanziellen Mitteln sind noch immer nicht genügend Frauen vertreten.

Gleichzeitig sehe ich jüngere Generationen von Frauen mit einem anderen Selbstbewusstsein. Sie fordern etwas ein, kämpfen für andere Frauenbilder und produzieren selbst. In den USA ist das noch stärker ausgeprägt: Frauen sagen, wir haben euch lange genug erzählt, welche Geschichten wir erzählen wollen – jetzt suchen wir uns die Stoffe selbst.

Es hat sich also viel verändert. Aber wir sind noch nicht angekommen. Strukturen aufzubrechen ist ein zäher und mühsamer Prozess. Wir haben sicherlich auch in der Zwischenzeit einen Großteil von Männern, die uns unterstützen. Aber wir haben auch immer noch einen Teil, der eher verhindert.

Ich habe allerdings nie gesagt: Wenn ich für Frauen bin, bin ich gegen Männer. Die bestmögliche Situation ist, dass wir es gemeinsam machen und möglichst viele kluge Männer auf unsere Seite bekommen. Das halte ich für sehr viel gesünder.

Welche Geschichten über Frauen fehlen Ihnen gegenwärtig?

Es gibt viele historische Frauen, denen man zu Recht ein Denkmal setzt. Aber auch in unserem Alltag gibt es genügend Frauen, deren skurrile, komische, traurige oder verletzende Wege es wert sind, erzählt zu werden.

Im Grunde ist jede Geschichte schon einmal erzählt worden. Die Frage ist: Wie erzählst du sie und wen willst du damit erreichen?

Ich mag Filme, die nicht nur als typischer Frauenfilm oder Jugendfilm funktionieren. Schön finde ich es, wenn eine Geschichte unterschiedliche Generationen erreicht – im besten Fall den Enkel genauso wie die Großmutter. Das ist eine schöne Herausforderung.

Neben dem Schauspiel haben Sie immer wieder öffentlich Haltung gezeigt – für Toleranz und Mitmenschlichkeit, gegen Antisemitismus und gegen das Vergessen. Was kann Kunst gegen Diskriminierung und Menschenfeindlichkeit bewirken? Und wo kommt sie an ihre Grenzen?

Kunst und Kultur können den Finger in die Wunde legen. Sie können uns verbinden, Fragen stellen und manchmal vielleicht sogar Antworten geben. Ich glaube nicht, dass Kunst die Welt verändert. Aber sie kann ein Seismograf, ein Leuchtturm und ein Begleiter sein.

Deshalb ist für mich auch der Begriff »Cancel Culture« ein Widerspruch. Canceln bedeutet ausgrenzen. Kultur bedeutet für mich verbinden. Kunst darf aufrütteln, provozieren, fordern und ungehorsam sein. Aber sie sollte nicht ausgrenzen, weil jemand eine andere Meinung vertritt.

Man sollte versuchen, die besseren Argumente zu haben, zu diskutieren und zu überzeugen. Auch Streitkultur ist Kultur.

Gleichzeitig merke ich, wie fragil Kultur geworden ist. Sie ist oft das Erste, woran gespart wird, und wird noch immer schnell als elitär bezeichnet. Dabei kann Kunst Menschen auf ganz unterschiedliche Weise verbinden: durch Musik, Bilder, Literatur, Kino oder Theater.

Im Kino sitzen wildfremde Menschen nebeneinander und begeben sich gemeinsam auf eine emotionale Reise. Soziale Unterschiede spielen in diesem Moment keine Rolle. Deshalb hat Kultur einen enormen Stellenwert – und deshalb müssen wir sie schützen und verteidigen.

Sie haben Anfang des Jahres in einem Gespräch mit dem MDR davor gewarnt, angesichts der vielen Krisen und der oft damit verbundenen Überforderung in Sprachlosigkeit zu verharren. Wie kämpfen Sie selbst gegen Sprachlosigkeit an, wenn diese sie überkommt?

Sie überkommt mich durchaus. Meistens ist sie das Resultat von Wut und Fassungslosigkeit. Aber sie darf nicht lange anhalten, sonst gewinnt das, was einen so sprachlos macht. Für mich ist es wichtig, Verbündete zu haben und in den Austausch zu gehen. Das Unwohlsein, das viele von uns empfinden, ist sehr laut und grell. Dabei ist oft gar nicht wahrnehmbar, wie viele auf der anderen Seite stehen, aber leiser sind.

Wir leben in einer Welt, in der Social Media eine ungeheure Macht hat. Auch diese Möglichkeiten müssen wir positiv nutzen: Verbündete suchen, in der Argumentation klar und hörbar werden. Und jeder Einzelne kann in seinem unmittelbaren Umfeld reagieren. Reagiere auf dumme Sätze und dumme Witze. Reagiere darauf, wie über Menschen geredet wird. Korrigiere. Das ist anstrengend, aber für mich der einzige Weg, nicht in Sprachlosigkeit zu verharren.

Ich hatte einmal die Naivität zu glauben, dass Dinge, die gesellschaftlich erreicht sind, erhalten bleiben. Heute weiß ich: Diese Errungenschaften sind zarte Pflanzen. Sie müssen immer wieder neu verteidigt werden. Das ist eine schmerzhafte Erkenntnis.

Sie sagen, Sie nehmen Auszeichnungen auch an, weil sie Ihnen eine Bühne geben. Nun erhalten Sie den Deutschen Kulturpolitikpreis 2026. Was bedeutet Ihnen diese Auszeichnung?

Als ich davon hörte, musste ich erst einmal tief einatmen. Man selbst sieht sich ja nicht so, wie andere Menschen einen sehen – und das ist auch ganz gut so. Ich sage immer: Habe deine eigene Messlatte. Erfülle nicht nur die Erwartungen von außen, sondern frage dich: Wer willst du eigentlich sein? Was willst du darstellen?

Wenn man dann auf diese Weise wahrgenommen wird, ist das auch ein bisschen erschreckend. Ich habe diese Kraft gar nicht immer, die andere vielleicht in mir sehen. Ich hadere, ich zweifle, ich bin oft verunsichert.

Aber diese Auszeichnung bedeutet für mich eine Form von Vertrauen. Und dieses Vertrauen möchte man nicht enttäuschen. Gleichzeitig denke ich auch an all die Menschen, die Tag für Tag etwas leisten und ganz andere Kräfte aufbringen müssen. Dann frage ich mich schon: Wo stehe ich da? Aber ich weiß auch, was es bedeutet, ein öffentlicher Mensch zu sein. Und dann ist eine solche Auszeichnung wieder eine Möglichkeit, über das zu sprechen, was einem wichtig ist.

Ein Kulturpolitikpreis verbindet für mich zwei Dinge, die sowieso zusammengehören: Kultur ist immer politisch, und in der Politik sollte Kultur immer verankert sein.

Vielen Dank.

Deutscher Kulturpolitikpreis

Der Deutsche Kulturpolitikpreis wird seit 2021 für besondere kulturpolitische Verdienste vergeben. Er ist aus dem »Kulturgroschen« hervorgegangen, den der Deutsche Kulturrat seit 1992 für kulturpolitische Lebensleistungen beziehungsweise für Leistungen von langfristiger kulturpolitischer Tragweite verliehen hat. Weiteres unter: tinyurl.com/kulturpolitikpreis

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9-10/2026