»Für Manchester ist Kultur nicht nur Aktivität, sondern auch Infrastruktur. Ohne unsere Kultur bleibt die Stadt nur eine Hülle aus Gebäuden, Asphalt und leeren Stühlen.« So heißt es im strategischen Papier »Manchester Cultural Ambition 2024-2034«. Der kulturpolitische Kompass definiert Kultur als Grundbedingung städtischen Lebens. Die Strategie entstand in einem Beteiligungsverfahren mit Stadtgesellschaft, mit Kulturorganisationen und Künstlerinnen und Künstlern.

Für Beobachter der Kulturpolitik in Großbritannien ist es nicht überraschend, dass der Wert der Kultur stark von ihrer gesellschaftlichen Relevanz abgeleitet wird und ein weiter Kulturbegriff in der Strategie zentral ist: Dieser verortet sich auf einer Matrix von kultureller Teilhabe und Bildung, Kreativität und Kreativwirtschaft, Inklusion und Diversität, »Creative Health«, internationaler Sichtbarkeit und Stadtteilentwicklung. Kultur wird in Manchester als wesentliche Kraft der Transformation der Stadt verstanden. Die Kultureinrichtungen betrachten gesellschaftlichen Zusammenhalt und Kunst für alle als ihre Kernaufgaben.

Manchester entwickelte seine Strategie in Anlehnung an die nationale Strategie »Let’s Create« von 2020 des Arts Council England (ACE), der staatlich finanzierten, eigenständigen Förderinstitution für Kunst und Kultur in England. »Let’s Create« sollte bis 2030 gelten, wurde aber im Dezember 2025 durch eine vorübergehende Strategie ersetzt. Dies geschah nach der Veröffentlichung einer im Auftrag der Regierung durchgeführten unabhängigen Bilanz der Strategie des ACE von Margaret Hodge.

In ihrem Papier, dem eine breite Abfrage bei Kulturorganisationen in England zugrunde lag, beschreibt sie die Strategie des ACE als zu präskriptiv. Sie setze zu viele Ziele gleichzeitig: Teilhabe, Diversität, lokale Relevanz und gesellschaftliche Wirkung. Diese seien nach dem One-size-fits-all-Prinzip in korsettartige Förderbedingungen, Indikatoren und Berichtspflichten übersetzt, die statt Vielfalt Anpassung produzierten, indem die Einrichtungen ihre Vorhaben entlang der Erwartungen des Förderers formulierten. So gerät das Ziel, künstlerische Qualität und Zugang zu hervorragender, herausfordernder und innovativer Kunst zu fördern, in den Hintergrund. Diese strategische Übersteuerung trifft auf einen durch langjährige Kürzungen geschwächten Kulturbereich, in dem sich die Kommunen zunehmend aus der Kulturförderung zurückziehen und die Konkurrenz um die sehr begrenzten Mittel des ACE steigt.

Nicht die Ziele seien falsch, so Hodge, sondern ihre Gewichtung und Kumulation. Man könnte weiter gehen: Nicht die Übersteuerung und die Anzahl der Ziele sind das Problem, sondern der permanente Rechtfertigungsdruck, unter dem die Kultureinrichtungen stehen, wenn von allen und überall das Gleiche erwartet wird. Es fehle das Vertrauen in die Kulturinstitutionen, dass sie selbst definieren, wie sie mit ihrer Expertise zu den Zielen beitragen können. Manchester setzt in seiner Strategie wiederum auf ein Hauptziel: Zugänglichkeit. Die restlichen Ziele sind für die Antragstellenden auswählbar.

Die erste Empfehlung der Review von Hodge gilt deswegen der Politik: ACE wurde gegründet als eine eigenständige Fördereinrichtung gemäß dem Arm’s-length-Prinzip. Dieses Prinzip müsse verteidigt werden gegenüber einer Politik, die Rahmenvorgaben mit mechanistischer Vorprogrammierung oder direkter Einflussnahme auf Förderentscheidungen verwechselt. Hodge verlangt vom ACE eine aktive Verteidigung dieser Armlänge gegenüber politischen Entscheidern. Auch gut gemeinte politische Einflussnahme könne politische Parteilichkeit oder sogar Zensur zur Folge haben.

Sie legt damit den Finger in die Wunde: Kluge Förderpolitik von Kultur ist ein Balanceakt zwischen dem, was gebraucht wird, was noch fehlt und was für die Zukunft notwendig sein wird. Sie muss sich um Infrastrukturen kümmern und Ermöglichungsräume schaffen und offenhalten. Dafür braucht es Raum für künstlerische Eigenlogik, Risiko und Widerspruch. Und eine Armlänge Abstand zur Politik.

Zweite Lesart

In der Kolumne beleuchtet Katarzyna Wielga-Skolimowska nationale und internationale Kulturthemen. Unter ihrer Leitung hat die Kulturstiftung des Bundes das Förderprogramm »Übermorgen – Neue Modelle für Kulturinstitutionen« aufgelegt, das aktuell 50 Kultureinrichtungen in Deutschland fördert. Zum Programm gehören u. a. dreitägige Inspirationsreisen, etwa nach Manchester, um dort die Arbeitsweisen von Kultureinrichtungen in anderen europäischen Ländern kennenzulernen – mit dem Ziel, Konzepte für die Zukunft ihrer eigenen Häuser zu entwickeln.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9-10/2026