Musik war für Johanna Schneider nie nur ein Beruf, sondern von klein auf Teil ihres Lebens. Aufgewachsen in Bamberg in einer musikalischen Familie, sang sie bereits als Kind in Chören und Bands, spielte Geige, tanzte Ballett und Jazz Dance und stand schon früh auf der Bühne. »Es war nicht die Frage, ob ich ein Instrument spiele, sondern welches«, erzählt sie im Interview.

Dass sie Musikerin werden wollte, stand früh fest. Nicht unbedingt Jazzsängerin – auch Musical oder Schauspiel kamen infrage. Den entscheidenden Impuls erhielt sie im Jazzclub Bamberg. Dort arbeitete sie als Jugendliche an der Kasse oder hinter der Bar, sang auf den monatlichen Sessions mit lokalen Vorbildern wie Torsten Goods, Norbert Schramm und Sebastian Strempel, hörte internationale Größen und interviewte Musikerinnen und Musiker über deren Berufsalltag. »Ich habe die ersten Feldforschungen betrieben«, so Schneider. Sie wollte wissen, »wie die ihren Lebensunterhalt bestreiten, ob das möglich ist und wie der Alltag aussieht.« Aus diesen Gesprächen heraus verfestigte sich ihr Berufswunsch Jazzsängerin.

Schon damals zeigte sich eine Eigenschaft, die ihren Lebensweg prägen sollte: Hartnäckigkeit. Als sie sich parallel zu ihren Abiturprüfungen an mehreren Musikhochschulen bewarb, lehnte ausgerechnet die Professorin, bei der sie wenige Monate später ihr Studium beginnen sollte, sie zunächst an zwei Hochschulen ab und riet ihr, im nächsten Jahr wiederzukommen. »Aufgeben kam aber nicht in Frage«. Sie arbeitete weiter hart, bereitete sich noch intensiver vor und trat im gleichen Jahr erneut zur Aufnahmeprüfung an. Diesmal überzeugte sie. »Ich habe gesagt: Ich gehe da jetzt noch ein drittes Mal hin und werde es ihr schon beweisen.«

Nach einigen Semestern in München wechselte sie an die Folkwang Universität der Künste nach Essen – nicht wegen der Stadt, sondern aufgrund ihrer Wunschdozentin Romy Camerun. Sie ließ ein funktionierendes musikalisches Umfeld in München zurück und begann neu. Gleichzeitig hielt sie ihr 2008 in München gegründetes »Johanna Schneider Quartet« mit ihrem damaligen Professor Tizian Jost, Andreas Kurz und Bastian Jütte am Leben, das bis heute in unveränderter Besetzung besteht. Netzwerke aufzubauen, sagt Schneider, sei im Jazz genauso wichtig wie musikalisches Können: »Man braucht Interesse an Menschen, Neugier und den Wunsch, von anderen zu lernen.«

Der Blick über den eigenen Tellerrand führte sie früh in die ehrenamtliche Arbeit. Dieses Verständnis von Gemeinschaft prägt sie bis heute.

Einschneidend war 2015 die Entstehung des PENG Jazzkollektivs in Essen, das Schneider gemeinsam mit sechs weiteren Sängerinnen gegründet hat: »Das war noch bevor die erste Jazzstudie der Deutschen Jazzunion rauskommen sollte, durch die man es dann schwarz auf weiß hatte, wie wenig Frauen – insbesondere Instrumentalistinnen – es im Jazz gibt.«

Eigentlich wollten die Initiatorinnen des PENG Festivals zunächst nur einen gemeinsamen Tonträger veröffentlichen. Während eines Treffens entstand die Idee eines Festivals. Von großem Vorteil war hier die Erfahrung, die Schneider als Co-Gründerin des Bajuku – Bamberger Jugendkultur-Festivals, heute Kontaktfestival, hatte.

»Wir haben gesagt: Lasst uns doch mal Kräfte bündeln und gemeinsam etwas auf die Beine stellen.« Das Konzept war ebenso einfach wie wirkungsvoll: Auf der Bühne sollten ausschließlich Bandleaderinnen bzw. weiblich gelesene Personen stehen. Nicht als Ausschluss, sondern um »das Spotlight mal zu verrücken«.

Die Resonanz überraschte die Organisatorinnen. Plötzlich wurden sie mit kulturpolitischen Debatten konfrontiert. »Vielleicht ist es doch politischer, als wir dachten«, erinnert sich Schneider. Aus einem Festival wurde eine Plattform für gesellschaftliche Diskussionen. Podiumsgespräche zu Diversität, Rassismus, Klassismus oder Machtstrukturen wurden fester Bestandteil des Programms. Schneider spricht heute selbstverständlich von intersektionalen Perspektiven – ein Begriff, der vor zehn Jahren im Jazzbetrieb kaum eine Rolle spielte. Dass das Festival, das sie von 2015 bis 2025 co-organisiert und kuratiert hat, sowohl mit dem WDR Jazzpreis als auch dem Deutschen Jazzpreis ausgezeichnet wurde, bestätigt den Erfolg dieses Weges.

Parallel dazu wuchs ihr kulturpolitisches Engagement auf Bundesebene. Bereits als Studentin engagierte sie sich im Studierendenparlament, später als AStA-Vorsitzende und in Hochschulgremien. Rückblickend beschreibt sie ihre Motivation mit einem Satz, der wie ein persönliches Credo wirkt: »Wenn wir es nicht tun – wer macht es dann?« Sie habe nie akzeptieren können, wenn Strukturen nicht funktionierten: »Wenn Dinge nicht gut laufen, dann muss man halt mit Menschen sprechen und selbst aktiv werden.«

Diese Haltung führte sie in die Deutsche Jazzunion, deren ehrenamtliches Vorstandsmitglied sie seit 2021 ist. Dort beschäftigt sie sich mit fairen Honoraren, Diversität, Nachwuchsförderung und der Zukunft kultureller Arbeit. Besonders intensiv arbeitete sie an Berechnungsmodellen für Mindesthonorare. Hierbei stellten sich u. a. die Daten der inzwischen zwei Jazzstudien der DJU als unerlässlich heraus. Gemeinsam mit anderen Verbänden entwickelte sie wissenschaftlich fundierte Grundlagen dafür, welche Tagessätze professionelle Musikerinnen und Musiker benötigen, um langfristig existenzsichernd arbeiten zu können. Hinter solchen Modellen stecke weit mehr als die Zeit auf der Bühne, betont Schneider: Proben, Organisation, Reisen, Akquise und Weiterbildung blieben häufig unsichtbar – seien aber elementarer Bestandteil professioneller Kulturarbeit.

Außerdem ist sie Beiratssprecherin des Deutschen Jazzpreises, durch den die Szene an Sichtbarkeit gewinnt und finanziell gestärkt wird.

Diese Ehrenämter verschlingen enorme Zeit und sind größtenteils unentgeltlich. Zeitweise habe sie »vier oder fünf Sitzungen pro Woche«, erzählt sie, parallel zu Konzerten, Tourneen und ihrer Arbeit als Gesangsdozentin. Bezahlt werde sie jedoch »hauptsächlich fürs Auf-der-Bühne-Sein«. Kulturpolitisch aktiv zu sein, bedeute überwiegend unbezahltes Engagement. Trotzdem: Wenn wichtige kulturpolitische Entscheidungen anstünden, könne sie sich nicht zurückziehen. »Dann fühlt man sich verantwortlich.«

Dabei weiß Schneider, dass niemand dauerhaft ein solches Arbeitspensum durchhalten kann. Deshalb richten sich ihr Blick und ihre Hoffnung auf die kommenden Generationen. Junge Musikerinnen und Musiker sollten sich früh mit kulturpolitischen Fragen auseinandersetzen. Die Deutsche Jazzunion gehe deshalb gezielt an Hochschulen, organisiert Begegnungsformate und wirbt für ehrenamtliches Engagement. »Wir können die Szene nur gemeinsam voranbringen«, sagt Schneider. Strukturen verbesserten sich nicht von allein – sie müssten gestaltet werden.

Trotz aller Gremienarbeit bleibt die Musik ihr kreatives Zentrum. Für das kommende Jahr plant Johanna Schneider ein neues Album und tritt mit Luca Zambito mit einem Programm aus Songs sowie Gedichtvertonungen aus den 1920er und 1930er Jahren auf. Komponieren brauche Zeit, sagt sie, und vor allem Inspiration. Deshalb versucht sie inzwischen, ihre Kräfte bewusster einzuteilen: »Im Deutschen Musikrat wurden die bisherigen Arbeitsgruppen zur fairen Vergütung in diesem Jahr neu strukturiert. Aus den beiden Arbeitsgruppen ›Faire Vergütung Konzerte‹ und ›Faire Vergütung in der Lehre‹, in denen ich bislang mitgearbeitet habe, entstanden zwei eigenständige Kommissionen. Künftig werde ich mich auf die Kommission zu Honoraruntergrenzen bei Konzerten konzentrieren.«

Kulturpolitik und Musik stehen für Johanna Schneider nicht in Konkurrenz, sie bedingen sich gegenseitig. Denn wer täglich erlebt, wie fragil kulturelle Arbeit sein kann, entwickelt vielleicht genau jene Hartnäckigkeit, die nötig ist, um nicht nur gute Musik zu machen, sondern auch die Bedingungen zu verbessern, unter denen sie entsteht.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9-10/2026