Susanne Siegert ist nicht die erste Influencerin, die ein Buch geschrieben hat – aber bestimmt die erste, die sich an aktuellen und altbekannten Debatten zum Holocaust abarbeitet und eine erinnerungspolitische Wende anstoßen will. Auf Instagram und TikTok informiert sie gut recherchiert zu Themen, die im Geschichtsunterricht meist unerwähnt bleiben: unbekannte Biografien, »unbequeme« Holocaust-Überlebende oder Jüdinnen und Juden und Schwarze Soldaten, die gegen das NS-Regime gekämpft haben. Sie rüttelt damit an festgefahrenen Bildern, wenn sie den Widerstand der Verfolgten sichtbar macht und dessen Fehlen auf Seiten der Tätergesellschaft benennt. Gerade an Gedenktagen würden bei der Inszenierung des »Gedächtnistheaters« die Themen Täterschaft und Verantwortung ausgeklammert und Deutschland auf die Opferseite gerückt. Einerseits gerate das Erinnern durch das Wiederholen der gleichen selbstbezogenen Hülsen immer weiter in den Hintergrund, andererseits würde es überladen mit unsauberen Vergleichen wie »AfD wählen ist so 1933« und zu hohen Erwartungen an die Demokratiebildung.

Mit ihrer Arbeit möchte Siegert zum Einstieg in die Gedenkarbeit anregen: das kritische Befassen jeder und jedes Einzelnen mit der eigenen Familiengeschichte und den NS-Verbrechen vor der eigenen Haustüre (wie sie selbst mit dem KZ-Außenlager Mühldorfer Hart). Sie fordert echte Aufarbeitung und politische Konsequenzen, beispielsweise im Fall der Gefährdung des Denkmals für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma durch den Bau des Berliner S-Bahn-Tunnels.

Ein wichtiger Impuls zum Umdenken und Nachforschen.

Susanne Siegert. Gedenken neu denken. Wie sich unser Erinnern an den Holocaust verändern muss. München 2025

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9-10/2026