Kunst und Inklusion: Markus Keuler betreibt sie quasi in doppelter Hinsicht. Seit zwei Jahrzehnten freischaffender Bildhauer in Bremen, macht Keuler Holzskulpturen in kleiner wie in lebensgroßer Form, die Menschen mit Down-Syndrom porträtieren. Seit einigen Jahren arbeitet der Bildhauer mit zwei jungen Männern mit Down-Syndrom auch gemeinsam an Werken. Behrang Samsami sprach mit Markus Keuler über seinen Weg vom Tischler zur figürlichen Bildhauerei, über die Wahrnehmung seiner Holzskulpturen durch andere und über seine Erfahrung, zusammen mit zwei Menschen mit Down-Syndrom Kunst zu schaffen.

 

Behrang Samsami: Herr Keuler, Sie haben eine Lehre als Tischler absolviert und einige Jahre in dem Beruf gearbeitet. Dann entschieden Sie, bildender Künstler zu werden. Wie kam es dazu?

Markus Keuler: Gelernt habe ich in einer tollen Tischlerei, die von zwei jungen, ambitionierten Tischlermeistern geleitet wurde, die gestalterisch und handwerklich überzeugende Arbeiten machen wollten. Das Ganze scheiterte leider, weil exklusiver Möbelbau teuer und die passende Kundschaft schon vergeben war. Die Realität des Handwerks sah danach anders aus: Alle, die ich von damals noch kenne, machen heute entweder Reparaturen oder haben die Tischlerei hinter sich gelassen. Während der Ausbildung merkte ich außerdem, dass das Schnelllebige mir nicht liegt, sondern ich etwas Dauer- und Sinnhaftes suchte. Das erhoffte ich mir von der Kunst, besonders von der Bildhauerei.

 

Wer nach Ihnen recherchiert, stößt schnell auf Holzskulpturen, die Menschen mit Down-Syndrom ähneln. Was bewog Sie, gerade diese Gruppe zu porträtieren?

Als ich in Bremen ein Studium an der Hochschule der Künste begann, spürte ich schnell die Gefahr, schöne Dinge zum Einrichten zu schaffen, und geriet erneut in Zweifel. Das wollte ich nicht. Mir half, dass ich meine Frau nach Karlsruhe begleiten und dort ein Gastsemester an der Akademie der Künste verbringen konnte. Ich musste aus Platzmangel meine Arbeitsweise umstellen und fing an, in unserer Wohnung Porträts zu modellieren. Eines dieser Porträts, in dem die psychische Erkrankung eines Freundes physiognomisch sichtbar werden sollte, veranlasste mich, zeichnerisch und plastisch auszutesten, was das Down-Syndrom physiognomisch ausmacht. Und diese Arbeit löste Erinnerungen an einige Wochenendfreizeiten mit Menschen mit Down-Syndrom aus, an denen ich Jahre zuvor teilnehmen konnte. Diese Wochenenden hatte ich als total bereichernd und mich mit Menschen mit Trisomie 21 irgendwie verbunden erlebt.

Als das erste Porträt eines Menschen mit Down-Syndrom entstand, gab es in meinem Leben einige mir nahestehende Menschen, die psychische Probleme hatten. Das beschäftigte mich und ich wollte die damit verbundene Fremdheit thematisieren. Gleichzeitig wollte ich aber keine schwere oder deprimierende Kunst schaffen. Das Porträt stand daher für eine positive Wendung in meiner Arbeit. Ich empfand, wie gesagt, eine Verbindung zu Menschen mit Down-Syndrom. Ihre »positive Fremdheit« kam mir entgegen und ich stellte fest, dass, wenn ich vor meinen Holzskulpturen stand, in ihnen ein Teil von mir angesprochen wurde, den ich einfach toll fand. Das war mein Antrieb, in dieser Richtung weiterzumachen.

 

In Ihrem Text »Ich mache nur noch Selbstporträts von Anderen«, den Sie mir zur Verfügung gestellt haben, sprechen Sie ebenfalls davon: »Seitdem ich begonnen habe, ausgehend von Porträts von Menschen mit Down-Syndrom meine Skulpturen zu entwickeln, war es unter anderem meine Absicht, etwas von diesem Eindruck ihrer ›positiven Fremdheit‹ spürbar zu machen.« Können Sie das erläutern?

Ich erlebe Menschen mit Down-Syndrom auf der Beziehungsebene meist als sehr positiv. Sie kommen auf mich zu und teilen Dinge mit mir, vor allem Emotionen. In meinen Skulpturen ist die »Fremdheit« durch die physiognomische Ähnlichkeit zum Down-Syndrom meist unmittelbar spürbar. Nun versuche ich, von dieser »positiven Strahlkraft«, die mein Leben um so viele Stufen besser gemacht hat, auch etwas spürbar zu machen: die Haltung, der Ausdruck sollen sowohl würdevoll wie nahbar sein, sowohl authentisch wie schön. Daran arbeite ich immer und immer wieder.

 

Viele Ihrer Holzskulpturen stehen im wahrsten Sinne mit beiden Beinen fest auf dem Boden und strahlen Ruhe aus. Zumindest auf mich. Wie nehmen andere sie wahr?

Bis vor einigen Jahren wurde ich nur hin und wieder wegen meiner Skulpturen gezielt angefragt. 2016/17 etwa wurden sie im Rahmen von »Touchdown. Eine Ausstellung von Menschen mit Down-Syndrom« in der Bundeskunsthalle in Bonn ausgestellt. Ansonsten wurden meine Arbeiten eher nicht berücksichtigt. Das hatte sicher auch damit zu tun, dass figürlicher Kunst keine Innovationskraft zugetraut wurde. In den vergangenen fünf Jahren ist mir allerdings eine Veränderung aufgefallen: Ich erhielt Stipendien, beispielsweise von der Stiftung Kunstfonds. Früher wäre so etwas undenkbar gewesen.

Wenn ich an meine Ausstellungen denke, gab es diejenigen Besucher, denen meine Arbeiten sehr gefallen haben. Es waren in der Regel Menschen, die eigene Erfahrungen mit dem Down-Syndrom gesammelt hatten. Dann gab es jene Besucher, die das Unbekannte, das ihnen in den Skulpturen begegnete, nicht einordnen konnten und ratlos dastanden. Schließlich habe ich auch erlebt, dass einigen Besuchern die Skulpturen zuerst gefielen, sie aber reserviert wurden, als sie hörten, dass die Arbeiten nach dem Vorbild von Menschen mit Down-Syndrom entstanden waren.

 

Wie reagieren Menschen mit Down-Syndrom auf Ihre Arbeiten?

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass auch Menschen mit Down-Syndrom mit Fragezeichen vor den Skulpturen stehen. Das sind ja auch keine Eins-zu-Eins-Porträts, sondern »übersetzte« Arbeiten. Joris und Carl, die beiden jungen Männer mit Down-Syndrom, mit denen ich derzeit zusammenarbeite, haben nie davon gesprochen, dass ich Skulpturen mache, die aussehen wie sie. Sie nehmen mich als Künstler wahr, der Skulpturen macht – und das wollen sie auch tun.

 

Gibt es Museen oder andere öffentliche Einrichtungen, die sich für Ihre Arbeiten interessieren und sie gegebenenfalls kaufen?

Es gibt nicht so viel Resonanz. Ankäufe schon gar nicht. Am Anfang gab ich mir viel Mühe mit der Öffentlichkeitsarbeit und fragte auch bei Galerien an. Darauf meldeten mir einige zurück, dass es zwar tolle Arbeiten seien, sie aber nicht wüssten – so sagte es mir einer –, wie sie die Skulpturen ihren Kunden vermitteln sollten. Wenn ich etwas anderes machen würde, so hieß es weiter, sollte ich mich wieder melden.

Ich denke, dass die Ablehnung vor allem mit dem Bedürfnis zu tun hat, sich mit als schön empfundenen Dingen zu umgeben. Menschen, die viel Geld verdient haben, haben meist nicht viel Kontakt zu Menschen mit Down-Syndrom und werden meine Skulpturen daher kaum als schön empfinden können. Diejenigen, die das können, kommen meist aus dem sozialen Bereich und verdienen nicht viel Geld. Wahrscheinlich würde ich schon lange keine Kunst mehr machen, wenn es nicht das Gerhard-Marcks-Haus in Bremen und seinen Direktor Dr. Arie Hartog gäbe. Ich durfte schon mehrfach in diesem Museum ausstellen und gebe dort auch Kurse.

 

Sie arbeiten aktuell mit zwei jungen Männern mit Down-Syndrom an Skulpturen und Zeichnungen. Handelt es sich um ein inklusives Kunstprojekt?

Joris, den einen der beiden, kenne ich seit 17 Jahren. Damals sprach eine Elterngruppe mich an, ob ich nicht Familienfreizeiten begleiten wolle. Joris war acht Jahre alt, sehr schüchtern und nahm an nichts teil. Wir verstanden uns jedoch gut und seitdem begleite ich ihn. Er schenkte mir immer auch selbstgebaute Dinge: zusammengenagelte Rahmen oder Architekturen. Irgendwann baute ich diese Objekte in eine Installation ein. Auf dem Schild stand: »Objekte von Joris…« Seine Eltern lasen es ihm beim Besuch der Ausstellung vor. Das fand er toll. So entstand bei ihm die Idee, auch Bildhauer zu werden und bei mir in die Lehre zu gehen. Zunächst brachte ich Werkzeug und Material zu meinen Besuchen mit und so schuf er 2019 auch erste figürliche Skulpturen für eine riesige Installation namens »Inglourious Brazzbande«, die ich mit meinem Kollegen Klaus Effern baute. Damals wollte ich als Joris’ Assistent möglichst unsichtbar bleiben, aber das war wegen der vielen handwerklichen Herausforderungen für ihn kaum durchzuhalten.

 

Entstand daraus dann das gemeinsame Projekt mit Carl, dem dritten Teilnehmer?

Ja, der kam dann dazu und irgendwann stellte ich fest: Wenn wir drei uns missverstanden – wenn ich mich etwa zurücknehmen und nur sprachlich erklären wollte und von beiden »falsch verstanden« wurde –, entstanden großartige künstlerische Lösungen, auf die keiner von uns allein gekommen wäre. Diese Missverständnisse als kreatives Miteinander zu nutzen, erschien mir ein echtes Potenzial. Als Joris und Carl gerne ausstellen wollten, fragte ich beide, ob wir im Pingpong-Verfahren arbeiten wollen. Sie waren einverstanden und ich beantragte Projektgelder. Ausgehend von ihren Ideen suchten wir ein jeweils passendes Holzstück heraus, sie starteten mit etwas und dann besprachen wir, was mein Beitrag sein sollte. Ein Beispiel: Einer von ihnen machte eine schöne, aber flache Schnauze für ein Nilpferd. Ich sägte daraufhin eine so geformte Schnauze plastisch aus und montierte sie daran. So ging es beim Arbeiten immer hin und her, bis besondere, ›hybride‹ Wesen entstanden.

 

Das klingt nach einem gelungenen Zusammengehen von Kunst und Inklusion.

Ja, das finde ich auch. Inklusion in der Kunst bedeutet oft eine assistierte, individuelle Autorenschaft. Bei unserer Arbeit hingegen sind wir nun gemeinsam Autoren, jedenfalls aus meiner Sicht. Und gerade das lässt mein Herz höherschlagen. Die Jungs sehen das freilich anders und sagen zueinander: Das habe ich gemacht und du jenes. Beim ersten Projekt schufen wir Tiere und eine Rockband. Dabei habe ich teilweise versucht, den Kontrast unserer Wirklichkeitswahrnehmung herauszuarbeiten: Carl und Joris arbeiten flach, zeichnerisch und sehr vereinfacht. Ich setzte plastische und manchmal fast realistische Formen dazu. Diese Mischung war sehr spannend. Beim aktuellen Projekt zum Thema Freundschaft denke ich manchmal, dass man gar nicht mehr sieht, dass ich daran mitgearbeitet habe. Unsere Zusammenarbeit entwickelt sich – und meine Haltung auch. Momentan scheint mir eine gute, gemeinsame Skulptur nicht so sehr im Kontrast zu finden zu sein, deshalb suche ich nach anderen Beiträgen zum Gelingen.

Früher hätte ich ein solches Projekt nicht gemacht: einen Antrag für eine Idee zu stellen, passt nicht zu mir. Das Kollektiv »Carl, Joris und das Schaf« musste aus dieser langjährigen Beziehung entstehen und eine betreuerische und eine freundschaftliche Ebene haben. Wir lassen uns gegenseitig Dinge ausprobieren und haben viel Spaß. Es ist viel Vertrauen da. Das macht unsere Zusammenarbeit aus.

 

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11-12/2026