Anton stammt aus dem akademischen Haushalt einer jüdisch-liberalen Familie, die in Berlin-Schöneberg lebt. Alma ist in Berlin-Marzahn aufgewachsen, ihr Verhältnis zur Mutter und dem Stiefvater ist schwierig – und sie ist verwandt mit Martin Bormann, einem der berüchtigten Vollstrecker der Judenvernichtung.
Das Jüdischsein und Nicht-Jüdischsein stehen von Anfang an zwischen ihnen. Doch die beiden verlieben sich, ziehen zusammen, streiten und versöhnen sich, und trennen sich, als Anton ein Stipendium an der New Yorker Columbia University annimmt. Dem Liebesrausch folgt die Verzweiflung, zumindest für Alma, die sich nicht zum ersten Mal von geliebten Menschen verlassen fühlt. Während Anton in das jüdisch-akademische Ambiente und die Hipster-Szene in New York eintaucht, sucht Alma Halt in Antons jüdischer Gemeinde. Anton forscht zur jüdischen Abstammungslehre und der Frage der massenhaften Konversion der Chasaren, eines Turkvolks, zum Judentum im Mittelalter. Zeitgleich beschließt Alma, auf der Suche nach Halt und Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben zu konvertieren.
Und dann folgt der Terrorangriff der Hamas am 7. Oktober 2023, in dessen Folge Anton vor der Empathielosigkeit seiner New Yorker Freunde flieht, um bei Alma Trost und Zuflucht zu suchen. Aber er wird sie nicht finden.
Einen Transformations-Roman nennt Dana Vowinckel ihr Buch, denn sich zu verlieben sei ebenso transformativ, wie zu einem anderen Glauben überzutreten. Dabei verhandelt sie die großen Themen des Lebens: Liebe, Glaube, Trauer und Trost mit einer Sinnlichkeit und Seelentiefe, die einem im wahrsten Sinne des Wortes unter die Haut gehen. Mit der Wechselperspektive, mal aus Antons, mal aus Almas Blickwinkel, und dem Genrewechsel vom humorvoll Unterhaltsamen zur Romance und schließlich zur Tragödie legt der Roman von Anfang an ein Tempo vor und entwickelt eine Spannung, die einen bis zum Schluss im Bann hält.
Nebenbei erhält man tiefe Einblicke in jüdische Lebenswelten und -wirklichkeiten, in die großen Themen des Jüdischseins und die alles verändernde Zäsur durch den 7. Oktober 2023. Fazit: Absolut lesenswert!
Dana Vowinckel. Anton und Alma. Suhrkamp Verlag. Berlin 2026