Beim Wort »Museum« denkt man unwillkürlich an prächtige Kunstsammlungen in Metropolen mit sensationellen Ausstellungen, vor denen die Massen endlos Schlange stehen. Übersehen werden die kleinen Häuser, die über das ganze Land verteilt sind. Dabei sind sie mindestens so wichtig für das, was man hochtrabend als »kulturelle Identität« bezeichnet. Die Geschichten einer Stadt, die Lebensweisen einer Landschaft, die Erinnerung an prägende Persönlichkeiten kann man genau hier entdecken. Doch die kleinen Museen sind bedroht. In Zeiten sich leerender Kassen fragen die politischen Verantwortlichen sich, wie lange man sich diesen »Luxus« leisten will. Noch bringt niemand in Deutschland den Mut auf, ein Museum zu schließen. Aber so wie man sich inzwischen daran gewöhnt hat, dass weniger bedeutsame Kirchen umgenutzt oder abgebrochen werden, wird es nicht mehr ewig dauern, bis auch Museumsschließungen kein Tabu mehr darstellen. Was dabei verloren geht, ermisst man am besten, wenn man wieder einmal ein kleines Museum besucht.
Vor wenigen Wochen fuhren wir durch Schleswig-Holstein, nach St. Peter-Ording. Wir kamen durch Wesselburen. Ein Schild wies auf das örtliche Hebbel-Museum hin. Wir hatten es nicht eilig, es war Sonntag und das Museum geöffnet, wir waren neugierig. Vor Jahren hatte ich in Friedrich Hebbels Tagebüchern gelesen. Ich erinnerte mich an Geschichten einer ärmlichen Kindheit, immer wiederkehrender Not und einen eigenen, harten, unbestechlichen Ton. An seine einstmals vielgespielten Dramen konnte ich mich nicht erinnern. Ich hatte keines von ihnen je gesehen oder gelesen. Im Schulunterricht kam Hebbel zu meiner Zeit nicht mehr vor. Dabei galt er einmal als einer der bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller. Immerhin wäre mir nicht der Fehler unterlaufen, ihn mit Johann Peter Hebel zu verwechseln. Wie also, fragten wir uns, als wir von der Hauptstraße abbogen, erinnert man sich in Wesselburen an den berühmten, aber fast vergessenen Sohn der Stadt (die berühmteste Tochter ist wohl Kirsten Fehrs, die gegenwärtige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland)? Und was kann man in seinem Museum entdecken?
Das Geburtshaus von Hebbel gibt es nicht mehr. Es war eine Arme-Leute-Kate. Erhalten hat sich aber der Sitz der ehemaligen Kirchspielvogtei. Hier lebte der junge Hebbel (1813-1863) von 1827 bis 1837 und arbeitete zunächst als Laufbursche, dann als Schreiber für den Vogt, also den damaligen Landrat. Es ist ein schönes, altes Haus – irgendwie verwunschen, mit niedrigen Decken, schweren, dunklen Möbeln und Räumen, die einem etwas zu erzählen haben. Da ist der Verschlag unter der Treppe, in dem Hebbel gemeinsam mit dem Kutscher geschlafen hat und der einen an Harry Potter denken lässt. Gleich daneben befindet sich die Schreiberstube, sein Arbeitsplatz. Für Hebbel war die Zeit in diesem Haus eine Chance und eine Schande. Er konnte sich seinen eigenen Lebensunterhalt verdienen und die Bibliothek des Hausherrn nutzen. Am Esstisch der Familie aber durfte er nicht sitzen, sondern musste mit den Knechten speisen. Hier schrieb er seine ersten Verse und fasste den waghalsigen Entschluss, Schriftsteller zu werden. Die weiteren Räume erzählen von seinen Stationen in Hamburg, München und Heidelberg, Reisen in Italien, schließlich dem Glück, das er in Wien fand. Nach Jahren der Entbehrung gelangte er hier zu Ruhm und Wohlstand – nicht zuletzt dank seiner Ehefrau, der Burgschauspielerin Christine Hebbel. Es sollte nicht lange währen. Mit nur 50 Jahren starb Hebbel. Seine Totenmaske aber zeigt ein Gesicht, das viel älter wirkt.
Wir gingen von Raum zu Raum, geführt vom Vorsitzenden der örtlichen Hebbel-Gesellschaft, der an diesem Tag ehrenamtlich für die Gastfreundschaft zuständig war. Wir staunten über diese ferne, anregende und anrührende Geschichte: Was für ein Leben! Und wie vergänglich ist doch aller Ruhm! Oder in Hebbels eigenen Worten: »Das Leben ist ein Traum, der sich selbst bezweifelt.« Auch das ist eine Erkenntnis, die wir aus dem Besuch des Hebbel-Museums in Wesselburen mitgenommen haben.