Wer heute durch Berlin geht, findet von der Mauer erstaunlich wenig. Einzelne Abschnitte, ein paar Wachtürme, Gedenkorte. Der tief gestaffelte Grenzstreifen, der die Stadt fast drei Jahrzehnte teilte, ist weitgehend aus dem Stadtbild verschwunden, und mit ihm verschwindet die Anschauung dessen, was diese Grenze tatsächlich war. Hier setzt Torsten Dressler an. Der Archäologe hat über Jahre hinweg an der Bernauer Straße, an der East Side Gallery und im nördlichen Berliner Umland gegraben und das Landesdenkmalamt Berlin legt seine Ergebnisse nun in einem zweibändigen Werk vor.
Beeindruckend ist der schiere Umfang der Erfassungsarbeit. Dressler dokumentiert Fundamente, Sperrelemente, Signalanlagen und Befestigungen so genau, dass sich der Auf-, Aus- und Abbau der Grenzsperranlagen anhand materieller Befunde nachvollziehen lässt. Hinzu kommen die unterirdischen Zeugnisse von Fluchttunneln. Diese Befunde verknüpft er mit Fotografien, Plänen, Akten, Tonaufnahmen und Zeitzeugeninterviews.
Dabei wird sichtbar, wie Staatssicherheit und Grenztruppen versuchten, Fluchtwege aufzuspüren und zu verhindern. Das so entstehende Bild ist lückenloser als das, was die Schriftquellen allein hergeben. Der Textband erzählt und ordnet ein, der Katalogband mit seinen Beilagen macht die Befunde überprüfbar. Diese Trennung macht das Werk für Forschung, Denkmalpflege und Bildungsarbeit gleichermaßen brauchbar.
Man darf es getrost eine Grundlagenarbeit nennen. Was hier gesichert wurde, wäre ohne die Grabungen unwiederbringlich verloren gewesen, und es steht nun als belastbare Referenz zur Verfügung. Das gilt besonders für die Frage nach dem Denkmalwert. Wer begründen will, warum auch unscheinbare Reste im Boden erhaltenswert sind, findet bei Dressler die Argumente und die Belege. Es ist eine große, genaue und notwendige Arbeit.
Torsten Dressler. Die Berliner Mauer (1961–1989). Grenzanlagen und Fluchttunnel. DDR-Grenzanlagen und Fluchttunnel im Spiegel archäologischer Dokumentationen und ihr Denkmalwert. Beiträge zur Denkmalpflege in Berlin [62]. Weißenhorn 2025