Du bist, wie du sprichst. Deine Sprache ist Kleidung. Worte machen Leute. Du kannst elegant klingen, gebildet, arrogant, fröhlich, aber auch ahnungslos, bodenständig, frech. Aus deinen Worten mag Wut sprechen oder Liebe, Mitgefühl oder Ablehnung. Und wie bei Kleidung kann Sprache verraten, ob sie dir passt, ob du dich verkleidest oder gerade versuchst, jemand anderes zu sein, als du tatsächlich bist. Ob du in dieser Sprache zu Hause bist oder nicht. Ob du dich wohl fühlst in ihr oder nicht.

Sprache ist viel mehr als Kommunikationsmittel. Sie ist Brücke zwischen Menschen, Spiegel des Sprechenden, ein Instrument, das Zugang zu Gesellschaft und Kultur ermöglicht, ein Weg der Teilhabe. Sie ist ein Ort, an dem Erinnerungen leben. Man kann in ihr Heimat finden, Identität, sich in ihr wohlfühlen und bewegen wie in einer vertrauten Landschaft, in der man blind Wege findet. Oder sich auch fremd fühlen und unverstanden, wie in einer unbekannten Welt.

Ich erinnere mich, wie es mir als Kind peinlich war, wenn meine Eltern in unserem norddeutschen Dorf mit mir vor meinen Freunden Urdu sprachen. Dabei störte das meine Freunde kein bisschen, im Gegenteil, sie fanden diese für sie völlig unverständlichen Laute spannend. Ich aber wollte nicht anders sein als meine Freunde, wollte sein wie sie, wollte ihre Sprache sprechen. Und als eine Kindergartenfreundin meine Mutter fragte, warum ich »so komisch Deutsch« spreche, begriff meine Mutter, dass auch sie die Sprache lernen und mit uns Kindern sprechen müsse, damit wir sie vernünftig beherrschen.

Heute ist mir Urdu keineswegs unangenehm, ich halte Mehrsprachigkeit für einen Gewinn, weil jede Sprache einem neue Räume eröffnet. Wer das Glück hat, mit zwei oder mehr Sprachen aufzuwachsen, sollte das pflegen. Mehrsprachigkeit ist kein Problem, sondern kultureller Reichtum. Menschen, die mehrere Sprachen sprechen, können Brücken bauen. Und doch: Deutsch ist hier unsere gemeinsame Sprache, daher sollte man das wirklich gut können. Es ist daher richtig, darüber nachzudenken, wie man Menschen, die neu nach Deutschland kommen, möglichst schnell auf ein hohes Sprachniveau bringt.

Kinder lernen besonders schnell, und doch sollte man sich überlegen, wie es am besten ist: gesonderte Klassen für die Kinder der Zugewanderten, bis sie so gute Deutschkenntnisse haben, dass sie dem Unterricht mit den einheimischen Kindern folgen können? Oder gemeinsamer Unterricht von Anfang an?

Vermutlich hängt es von der Situation ab: Wenn nur wenige Kinder in der Klasse sind, deren Muttersprache nicht Deutsch ist, lernen sie vermutlich in der Klasse zusammen mit Deutsch sprechenden Kindern am besten. Sind jedoch viele Kinder der deutschen Sprache nicht mächtig, ergibt vielleicht eine Förderklasse Sinn. Ziel sollte immer sein, das Sprachniveau so schnell wie möglich anzuheben und damit eben auch so rasch wie möglich einen gemeinsamen Unterricht zu ermöglichen.

Kürzlich traf ich einen 24-jährigen Mann aus Syrien. Er sprach fließend Deutsch, ich ging davon aus, dass er in Deutschland geboren und aufgewachsen ist. Er erzählte mir, er sei 2018 nach Deutschland gekommen, damals noch ein Teenager, nach einem Jahr Flucht zu Fuß, durch die Türkei, über die Ägäis nach Griechenland, dann zu Fuß und mit dem Auto weiter nach Deutschland. Ich war beeindruckt von seinem Deutsch, denn man hörte ihm wirklich überhaupt nicht an, dass er diese Sprache erst in den zurückliegenden Jahren gelernt hat.

»Um zurechtzukommen, reicht es, wenn man sich verständigen kann. Aber wenn man wirklich dazugehören will, muss man die Sprache gut können«, sagte er. Ich bin davon überzeugt, dass das richtig ist. Das gilt natürlich überall in der Welt: Wer dazugehören möchte, muss die jeweilige Sprache beherrschen. Dabei muss man sich davor hüten, Sprache als reinen Integrationsindikator zu betrachten, nach dem Motto: »Wenn jemand sich anstrengt, Deutsch zu lernen, beweist er, dass er sich integriert.« Zur kulturellen Integration gehört mehr als nur das. Ein Mensch kann perfekt Deutsch sprechen und dennoch kein Teil unserer Gesellschaft sein. Ein anderer kann ringen, stottern, suchen – und trotzdem längst dazugehören.

Aber wie gesagt: Sprache ist wie Kleidung, und daher rate ich jungen Migranten, denen ich an Schulen begegne, dass es zum Beispiel einen Unterschied macht, ob man »ich, mich, dich« sagt – oder »isch, misch, disch«. Eigentlich traurig, aber so ist es nun einmal: Man wird ob seiner Wortwahl und seiner Aussprache in Schubladen gesteckt. Daher: Achte nicht nur darauf, was du sagst, sondern auch wie.

Und dann wieder sind es gerade die Unterschiede, die Sprache so spannend machen: Dialekte, Ausdrucksweisen, ein bestimmter Singsang. Ein Satz, ein Wort, ein kaum übersetzbarer Ausdruck auf Plattdeutsch – und ich fühle mich zurückversetzt in meine norddeutsche Kindheit. Plattdeutsch, also das Niederdeutsche, gilt übrigens sprachtypologisch als eigenständige Sprache und nicht als Dialekt. Wenn ich hingegen im Bayerischen Wald unterwegs bin, brauche ich gelegentlich einen Dolmetscher …

Im bayerischen Markt Donaustauf besuchte ich einmal die Walhalla, jene Gedenkstätte, die König Ludwig I. von Bayern in Auftrag gab, um einen Ehrentempel für »rühmlich ausgezeichnete Teutsche« und für bedeutende Persönlichkeiten »teutscher Zunge« zu schaffen. Es ist eine Ausstellung marmorner Büsten von als »deutsche Helden« verehrten Personen. König Ludwig I. formulierte die Kriterien so: »Kein Stand nicht, auch das weibliche Geschlecht nicht, ist ausgeschlossen.« Aber »teutscher Zunge zu seyn, wird erfordert, um Walhallas Genosse werden zu können«, denn die Sprache sei »das große Band, das verbindet, wäre jedes andere gleich zernichtet; in der Sprache währt geistiger Zusammenhang«.

Die »teutsche Zunge« als verbindendes Band, unsere Sprache als gemeinsame Basis für kulturelle Integration – was ab der Einweihung der Ruhmeshalle 1842 Ausdruck fand, gilt heute noch.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2025.