Das Recht auf Bildung ist ein Menschenrecht. Das regelt Artikel 28 der UN-Kinderrechtskonvention. Der Zugang zu Bildung ist unabdingbar für die gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Teilhabe. Dieses Recht formal zu besitzen, bedeutet jedoch nicht, dass alle den gleichen Zugang dazu haben. Die Chancen, erfolgreich das deutsche Bildungssystem zu durchlaufen und die eigenen Fähigkeiten und Talente entfalten zu können, sind in unserer Gesellschaft ungleich verteilt. In Deutschland ist der Bildungserfolg noch immer stark von der sozialen Herkunft abhängig, wie u. a. Studien der OECD zeigen.
Kinder und junge Erwachsene aus migrantischen Familien sind dabei im deutschen Bildungssystem besonders benachteiligt. Der Lagebericht der Integrationsbeauftragten des Bundes von 2024 zeigt, dass sie besonders häufig einem Armutsrisiko ausgesetzt sind. Zum anderen sind sie strukturell, institutionell und individuell von rassistischer Diskriminierung betroffen.
Für Eltern, die selbst nach Deutschland eingewandert sind, sind die Bedingungen dafür schwierig, ihre Kinder in der Bildungslaufbahn ausreichend unterstützen zu können und zusätzlich diese ungleichen Startbedingungen auszugleichen. Oft haben sie das deutsche Bildungssystem selbst nicht durchlaufen und können daher ohne dieses Strukturwissen ihr Kind nur sehr viel schwieriger über die systemischen Barrieren und durch die unterschiedlichen Bildungskorridore navigieren. Wenn sprachliche Barrieren hinzukommen, ist die Handlungsfähigkeit in einem nicht für die Migrationsgesellschaft strukturierten Bildungssystem erheblich eingeschränkt.
Des Weiteren fehlen oft – u. a. durch aufenthaltsrechtliche Bedingungen, restriktive Anerkennungspraxis bei beruflichen und formalen Qualifikationen sowie die strukturelle Benachteiligung auf dem Arbeitsmarkt – die finanziellen Ressourcen, um für die Kinder die notwendige Unterstützung zu organisieren, beispielsweise durch Nachhilfe.
An diesem Punkt setzt das Konzept von Schülerpaten an. Der Impuls dafür kam von arabischsprachigen Müttern selbst, die sich mit der beschriebenen Problemlage an eine Beratungsstelle in Berlin wandten, um Lösungen zu finden. Schülerpaten Berlin formierte sich dann als Organisation, um eine Struktur zu schaffen, welche diesen Missständen im Bildungssystem entgegenwirken kann.
Schülerpaten vermittelt 1:1-Bildungspatenschaften zwischen (deutschsprachigen) Ehrenamtlichen und Kindern und jungen Erwachsenen aus migrantischen Familien – von der ersten Klasse bis zum Abitur. Unsere Patinnen und Paten gehen einmal wöchentlich zu ihren Mentees nach Hause und geben dort Nachhilfe. Sie sind zudem Ansprechpartnerinnen oder Ansprechpartner bei schulischen Problemen und Fragestellungen der Zukunftsorientierung.
Natürlich wollen wir in erster Linie die Bildungschancen der Kids verbessern. Jedoch geht unser Konzept weit darüber hinaus und war immer auf Gegenseitigkeit ausgerichtet. Die Treffen finden bei den Familien zuhause statt, sodass unsere Patinnen und Paten die ganze Familie kennenlernen. Dadurch wollen wir eine Sensibilisierung für unterschiedliche Lebensrealitäten schaffen und enge Beziehungen aufbauen. Unsere Patinnen und Paten erhalten durch ihre Mentees einen tiefen Einblick in die strukturellen Hürden für migrantische und migrantisierte Schülerinnen und Schüler in unserem Bildungssystem.
Dabei begleiten wir unsere Tandems und qualifizieren unsere Ehrenamtlichen durch Seminare und Themenabende. Im Laufe der Patenschaft haben die Patinnen und Paten die Möglichkeit, sich im Rahmen von Workshops in verschiedenen relevanten Themenbereichen wie etwa Deutsch als Fremdsprache, Resilienzstärkung, Traumapädagogik sowie Stärken von Lernmotivation weiterzubilden. Ein weiterer Grundbaustein ist die Förderung von gemeinsamen bildungsbezogenen Freizeitaktivitäten und Ausflügen, um die kulturelle Teilhabe der Schülerinnen und Schüler zu erhöhen und die Tandembeziehungen zu stärken.
Seit dem Start mit dem ersten Standort in Berlin im Jahr 2009 haben wir mit Frankfurt am Main, Hamburg, Dortmund und München Standorte in vier weiteren Städten aufgebaut und über 1.500 Patenschaften vermittelt, die auf Langfristigkeit angelegt sind. Trotzdem bleibt unsere Arbeit ein Tropfen auf den heißen Stein. Die individuelle Verbesserung der Bildungschancen der Kinder und jungen Erwachsenen durch unsere Arbeit ist enorm wichtig. Jedoch bleibt das strukturelle Problem der Benachteiligung bestehen – in einer Gesellschaft, in der laut Mikrozensus 2024 fast jeder/jede zweite Schüler/Schülerin in Deutschland einen sogenannten Migrationshintergrund besitzt. In einer immer vielfältiger werdenden Migrationsgesellschaft ist das eine unwürdige Situation. Der Schlüssel zur Lösung liegt auf der politischen Ebene, Chancengerechtigkeit und das Recht auf Bildung für alle umzusetzen.