Erwerbsarbeit ist ein Schlüssel für Teilhabe und Identifikation, und beides ist die Voraussetzung für sozialen Zusammenhalt. Als Gewerkschaften wissen wir sehr genau, welche Rolle die Erwerbsarbeit für den Zusammenhalt einer Gesellschaft spielt. Sie kann zu Anerkennung, finanzieller und sozialer Sicherheit, kultureller und politischer Teilhabe führen. Sie kann aber auch Ausschluss, Marginalisierung und Abhängigkeit befördern. Nur »Gute Arbeit«, also eine tarifvertraglich geregelte Arbeit, kann zum eingangs genannten Schlüssel werden. Aber gute Erwerbsarbeit kann noch viel mehr.

In Zeiten massiver gesellschaftlicher Konflikte und einer scheinbar immer polarisierteren Gesellschaft ist es wichtig, Orte der Begegnung, des Zusammenhalts und des Austausches zu ermöglichen. Dabei gerät oft der Ort aus dem Blick, der für die meisten Menschen einen großen Teil des Tages und auch ihres Lebens bestimmt: der Betrieb, das Büro, die Dienststelle. Hier begegnen sich alltäglich Menschen unterschiedlicher Herkunft, mit unterschiedlichen kulturellen und politischen Vorlieben, die jedoch über die Lohnarbeit zur Zusammenarbeit verpflichtet und in ihrem ureigensten Interesse auch auf Zusammenarbeit angewiesen sind. Lohnarbeit bietet den Beschäftigten die Möglichkeit, gemeinsame Interessen über alle sonstigen Unterschiede hinweg zu erkennen, daraus gemeinsame Schlussfolgerungen zu ziehen und Ansprüche zu formulieren. Das ist der Grundgedanke gewerkschaftlicher Organisation: Gemeinsam können wir mehr erreichen!

Die Geschichte gewerkschaftlicher Kämpfe für »Gute Arbeit« zeigt immer wieder, dass kollegiale Solidarität für Integration und Miteinander sorgt und dort Brücken baut, wo es gesellschaftlich und politisch oft Hindernisse gibt. Die aktuelle Migrationsdebatte ist ein Beispiel dafür, aber auch die Geschichte der Arbeitsmigration nach Deutschland.

Vor wenigen Wochen beging der DGB den 70. Jahrestag des ersten Anwerbeabkommens der Bundesrepublik Deutschland mit Italien im Jahr 1955. Schwerpunkt der Veranstaltung war der Weg vieler »Gastarbeiter« in die DGB-Gewerkschaften. Mit Lorenzo Annese und Giovanni Pollice wurden zwei Kollegen mit der Hans-Böckler-Medaille ausgezeichnet, die sinnbildlich für Integration, Teilhabe und Zusammenhalt stehen.

Lorenzo wurde bereits 1965 der erste ausländische Betriebsrat in Deutschland, und zwar bei VW in Wolfsburg. Sein gewerkschaftliches Engagement hat vielen ausländischen Kollegen und Kolleginnen den Weg in die Gewerkschaften geebnet. Heute ist Daniela Cavallo, die Tochter eines italienischen Gastarbeiters der ersten Stunde, Gesamtbetriebsratsvorsitzende von VW und damit die erste Vertreterin für 660.000 Beschäftigte.

Giovanni kam 1966, mit zwölf Jahren, nach Deutschland. Schnell fand er über die Lohnarbeit den Weg in die Gewerkschaften und war zwölf Jahre lang der Vorsitzender des »Kumpelvereins – Die Gelbe Hand«. Er hat den Verein zu einem schlagkräftigen Akteur gewerkschaftlicher Antirassismuspolitik gemacht und damit unendlich viel zum Zusammenhalt in Betrieb und Gesellschaft beigetragen.

Beide, Giovanni und Lorenzo, sind gute Beispiel dafür, wie Lohnarbeit zum Treiber für Integration und Teilhabe werden kann, vor allem dann, wenn sie mit einem gewerkschaftlichen Engagement zusammenfällt, das immer auf kollektive Verbesserungen zielt und damit einen wichtigen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt leistet.

Was in der Vergangenheit funktioniert hat, funktioniert auch heute. Trotz aller Aufregungen und politisch teils verhetzter Debatten zeigt ein nüchterner Blick: Integration, Teilhabe und sozialer Zusammenhalt können auch in der modernen Migrationsgesellschaft gelingen – und auch heute ist Lohnarbeit ein Schlüssel.

Vor wenigen Monaten wurde berichtet, dass die Beschäftigungsquote derer, die im Zug der großen Migrationsbewegung 2015 nach Deutschland kamen, inzwischen dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung entspricht. Das trifft leider nicht auf alle zu, denn bei den Frauen gibt es hier noch deutlich Nachholbedarf. Aber die Richtung stimmt.

Lange wurde über die niedrige Erwerbsquote von Ukrainerinnen und Ukrainern gesprochen, jetzt melden die zuständigen Institute, dass es nach dem erfolgreichen Spracherwerb von immer mehr Menschen aus der Ukraine einen sprunghaften Anstieg der Beschäftigung gibt. Auch hier stimmt die Richtung.

Als Gewerkschaften organisieren wir Menschen unabhängig von Herkunft, Kultur, Religion und Weltanschauung mit dem Ziel, gemeinsam die Bedingungen des eigenen Lebens zu verbessern. »Stark mit uns« ist ein Motto des DGB, das den Dreiklang aus Integration, Teilhabe und sozialem Zusammenhalt aufnimmt und auf die Stärke von Solidarität und gemeinsamen Interessen setzt. Dort, wo über Lohnarbeit Integration und Teilhabe errungen wird, finden sich auch die Ansatzpunkte für einen gesellschaftlichen Zusammenhalt, der alle einschließt, nicht exklusiv und einer sozial fundierten Demokratie angemessen ist.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2025.