Von Gullivers Reisen und den Erlebnissen der Alice im Wunderland wissen wir, dass dramatische Wechsel von Größenverhältnissen nicht nur abenteuerlich, sondern auch durchaus komisch sein können. Im Märchen hat man uns erzählt, wie es immer wieder die Kleinen sind, die gegen alle riesigen Gefahren und Monstren triumphieren. Und damit, Herr oder Herrin einer Miniaturwelt zu sein, beginnt im Kinderzimmer der Weg ins Leben: Puppenhäuser, Modelleisenbahnen, Lego-Raumstationen oder das World Building im Computerspiel. Aber auch das Wissen der Welt wird in Form von Modell-Verkleinerungen vermittelt; die Innenwelt des menschlichen Körpers wie die Stadtanlage der Zukunft, Miniaturwelten eignen sich für das pädagogische Spiel, die wissenschaftliche Veranschaulichung oder die soziale Karikatur (wie in den Rollenspielen bei den »Schlümpfen«).
So weit scheint die Ordnung zwischen dem Kleinen und dem Großen gesichert: Das Kleine wird zum Großen, das Kind zum Erwachsenen, der Einzeller, wenn auch nicht in der Geschwindigkeit wie in »Evolution« zum komplexen Organismus, der Müllersbursch zum König, die Arbeit zum Unternehmen und selbst der Ameisenhaufen, den der »Ant Bully« des Films zu zerstören versucht, wächst – und mit ihm wächst das Verständnis des Kindes. Zum guten Menschen wird niemand, der das Kleine verachtet. Daran muss man gelegentlich dramatisch erinnert werden, dann nämlich, wenn Klein und Groß die Rollen tauschen. So wie für die Schlümpfe eine Hauskatze zum Riesenmonster wird, erlebt der geschrumpfte Mensch eine Treppenstufe als unüberwindliches Hindernis. Groß und Klein sind eben relative Empfindungen. Das ist nicht nur eine Frage der neuen Probleme und ihrer möglichen Lösungen, sondern auch eine philosophische Herausforderung. Jedenfalls endet so das Modell aller Schrumpffilme, Jack Arnolds »The Incredible Shrinking Man«. Das ist einerseits eine klassische Mutationsgeschichte der Science-Fiction: Bei einem Bootsausflug mit seiner Frau begegnet Scott Carey einer seltsamen Wolke, und von da an wird er immer kleiner, muss schließlich in einem Puppenhaus wohnen, gegen eine Spinne kämpfen und ist dann auch für seine Mitmenschen nicht mehr sichtbar. Am Ende – sein Schrumpfprozess wird immer weiter gehen – erkennt Scott die wahre Unendlichkeit. Er sieht in den Himmel des Mikrokosmos. »Plötzlich erkannte ich, dass es zwei Seiten desselben Konzepts sind. Für Gott gibt es keinen Nullpunkt. Ich lebe immer noch.«
Das Eintauchen in eine Mikrowelt ist ein Menschheitstraum; immer geht es zugleich darum, mit mächtigen Raketen ins Weltall zu gelangen und vermittels immer feinerer Mikroskope in die Welt jenseits des normal Sichtbaren. Was kann besser dazu dienen, in diese Welt unterhalb der normalen Blickräume einzutauchen als der Film? In die Welt der Pilze und der Wurzeln, der Bakterien, der Muskeln, der Zellen, der Atome … Aber Sehen allein genügt nicht; noch faszinierender ist die Fantasie, in die Mikrowelt selbst eintauchen zu können.
Können Menschen sich in die Mikrowelt hinein schrumpfen? Nach allen biologischen und physikalischen Kenntnissen ist das ganz einfach unmöglich. Aber »unmöglich« ist natürlich kein Kriterium für die Kino-Fantasie, hier wird das Kleine so rasch zum Großen wie der gefräßige Parasit in »Alien« oder die große Erscheinungsform des mikroskopischen Tardigrade bei »Star Trek: Discovery«; das Universum gebiert ein Sternenbaby in »2001« und in der F. Scott Fitzgerald-Verfilmung »The Strange Case of Benjamin Button« kommt ein Mensch als Greis zur Welt und entwickelt sich zum Säugling zurück, dann noch weiter, statt in den Tod in die Vor-Geburt. Das Große und das Kleine, der Anfang und das Ende – sobald man in die Mikrowelten eindringt und die Ordnungen von Wachsen und Werden in Frage stellt, verändert sich das kosmische Weltbild. Es gibt keinen Nullpunkt.
Scott macht in Arnolds Film auf einer tieferen Ebene der Erzählung freilich auch einen Befreiungsprozess durch, küchenpsychologisch gedeutet als Flucht vor der Macht des Weiblichen – die Frau, die als Katze und Spinne sein kleines Leben bedroht – allgemeiner einfach als Abenteuer der Selbsterfahrung jenseits der kleinbürgerlichen Alltagsnormen. Die Verbindung zwischen dem Schrumpfen und einer eher trostarmen Lebenssituation in Familie und Gesellschaft wurde in Variationen immer wieder durchgespielt. In »Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K.« schrumpft Lily Tomlin in der Titelrolle als konsumverrücktes Vorstadt-Familientier nach Gebrauch der falschen Haushaltschemikalien, und im Remake ist Jean Dujardin »Der Mann, der immer kleiner wurde«, nämlich ein Macho, der erst im Puppenheim-Stadium seine wahren Schwächen erkennt und schließlich die größte Verzweiflung in vollkommener Einsamkeit erlebt – schließlich ist niemand mehr da, mit dem er sprechen könnte.
Wie dem auch sei, das Klein-Werden ist auch für ihn ein paradoxes Stadium auf dem Weg zu sich selbst, da ist der Mister C. aus der Vorstadt nicht so weit entfernt vom Nils Holgerson, der mit den Wildgänsen reiste, oder dem Däumling, alias »Tom Thumb« – beide natürlich auch zu Filmhelden geworden. Dabei ist gerade »Tom Thumb« (Der kleine Däumling) aus dem Jahr 1958 ein farben- und formprächtiges Spektakel. Denn im Grunde sind alle Schrumpffilme auch grandiose Objekt-Schauspiele. Wenn der kleine Alltagsgegenstand oder das Spielzeug plötzlich zum Monument wird, dann ist das nicht nur ein großer Spaß für die Ausstattungsabteilung, sondern auch ein surrealistischer Effekt. Etwas Vertrautes wird durch seine Dimension zum Super-Symbol. Alltagsdinge wie eine Schere (in »The Incredible Shrinking Man«) oder eine Nähnadel (in »Tom Thumb«) zeigen sich als gefährliche Waffen; und der geschrumpfte Mensch sieht sich plötzlich beobachtet wie ein Spielzeug-Objekt.
Ganz ähnlich verhält es sich mit der menschlichen Anatomie. Auch was diese anbelangt, gibt es einen unerreichten Klassiker und etliche Varianten. »Fantastic Voyage« erzählt von einem Team, das sich mitsamt einem U-Boot-ähnlichen Gefährt so miniaturisieren lässt, dass es in die Blutbahn eines Menschen eingeführt werden kann, um ein lebensgefährliches Gerinsel zu entfernen. So wie die Objektwelt für den Shrinking Man wird der menschliche Körper für diese Expedition zu einer Abenteuerlandschaft, in der jeder Pulsschlag als Flutwelle erlebt werden kann. Mit etwas mehr komödiantischem Elan wurde eine Reise ins Innere des Menschen durch den Miniaturisierten in »Die Reise ins Ich« variiert. Dort reist der miniaturisierte Held durch einen kleinen Fehler beim Experiment zunächst im Körper eines jungen Mannes in Berufs- und Lebenskrise und dann gar in dem seiner eigenen Freundin, die ihn gerade verlassen hatte – wohl eine der bizarrsten Dreiecksgeschichten der Filmgeschichte. In »Antibody« wird eine weitere Schrumpfmission in den Körper eines Terroristen gesandt, um eine in seinem Inneren tickende nukleare Zeitbombe zu entschärfen.
Die echte Renaissance des Schrumpffilms allerdings begann mit dem erfolgreichen »Honey, I Shrunk the Kids«: die Geschichte eines leicht derangierten Erfinders, der seine Kinder vermittels eines aus dem Ruder gelaufenen Strahlenexperiments in Miniatur-Größen verwandelt. Die müssen vor der erlösenden Rückverwandlung allerlei Abenteuer mit den Dingen und Tieren im Haus und Garten erleben, werden beinahe noch vom eigenen Vater im Cornflakes-Löffel vertilgt, haben aber auch Gelegenheit, Konflikte und Vorurteile zu überwinden.
Die Slapstick-Elemente in diesem Film überdecken freilich nicht, dass der eigentliche Grund für die Beinahe-Katastrophe in dysfunktionalen Familien und sozialen Verletzungen liegt. Das Schrumpfen scheint da als Beginn eines Heilungsprozesses, der – unglücklich für die Protagonisten, glücklich für das populäre Schrumpffilm-Genre – nicht recht abgeschlossen scheint, woraufhin im Kino als Sequels in Hollywood und als selbständige Film-Serie in Deutschland alle Familienmitglieder, Freunde und sogar die Lehrerschaft geschrumpft werden müssen, bevor man sich seiner Person sicher wird. Wie in der Wissenschaft wird auch im noch so kindlich-fantastischen Miniaturisierungsfilm klar: Manchmal muss man ins Kleinste, um größere Zusammenhänge zu erkennen.
Das gilt sicher auch für den Schrumpffilm, der an philosophischer Nachdenklichkeit gewiss auch noch »The Incredible Shrinking Man« und sein Remake übertrifft. »Downsizing« ist der erste Film, der Miniaturisierung als Ausweg aus der Klima- und Umwelt-Krise anpreist. Es erweist sich aber in Wahrheit als profitträchtiges Geschäft. Der Held will sich mit seiner Frau in die schöne neue Miniaturwelt schicken lassen, doch die macht im letzten Moment einen Rückzieher. Und in der Miniaturwelt geht es keineswegs so idyllisch zu wie versprochen, vielmehr entwickeln sich hier soziale Ungleichheit, Ausbeutung und Betrug genau so rasch wie in der Welt der Großen. Dieser Film endet ebenfalls mit einer philosophischen Betrachtung: Auch wenn er sich noch so sehr verkleinert, vor sich selbst und vor seiner Gesellschaft kann der Mensch nicht fliehen.
Georg Seeßlen arbeitet als freier Autor und veröffentlichte zahlreiche Bücher. Für den Hörfunk schreibt Seeßlen regelmäßig Features, die sich mit aktuellen Tendenzen des Kinos und der populären Kultur auseinandersetzen. Er ist Mitglied der Akademie der Künste
Kleine Filmografie des Schrumpffilms
THE DEVIL-DOLL Die Teufelspuppe (1936) Regie: Todd Browning
BRIDE OF FRANKENSTEIN Frankensteins Braut (1936) Regie: James Whale
Dr. CYCLOPS Dr. Zyklop (1940) Regie: Ernest B. Schoedsack
THE INCREDIBLE SHRINKING MAN Die unglaubliche Geschichte des Mr. C.(1957) Regie: Jack Arnold
TOM THUMB Der kleine Däumling (1958) Regie: George Pal
ATTACK OF THE PUPET PEOPLE (1958) Regie: Bert I. Gordon
FANTASTIC VOYAGE Die phantastische Reise (1966) Regie: Richard Fleischer
THE INCREDIBLE SHRINKING WOMAN Die unglaubliche Geschichte der Mrs. K. (1981) Regie: Joel Schumacher
INNERSPACE Die Reise ins Ich (1987) Regie: Joe Dante
HONEY, I SHRUNK THE KIDS Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft (1989) Regie: Joe Johnston
GULLIVER’S TRAVELS Gullivers Reisen (1996) Regie: Charles Sturridge
HONEY, WE SHRUNK OURSELVES Liebling, jetzt haben wir uns geschrumpft (1997) Regie: Dean Cundey
HONEY, I SHRUNK THE KIDS TV Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft: Die Serie (1997-2000) Regie: div.
EVOLUTION (2001) Regie: Ivan Reitman
ANTIBODY (2002) Regie: Christian McIntire
THE ANT BULLY (2006) Regie: John A. Davis
HORTON HEARS A WHO Horton hört ein Hu (2008) Regie: Steve Martino, Jimmy Hayward
GULLIVER’S TRAVELS Gullivers Reisen – Da kommt was Großes auf uns zu (2010) Regie: Rob Letterman
ANT-MAN (2015) Regie: Peyton Reed
HILFE, ICH HABE MEINE LEHRERIN GESCHRUMPFT (2015) Regie: Sven Unterwald
DOWNSIZING (2017) Regie: Alexander Payne
HILFE, ICH HABE MEINE ELTERN GESCHRUMPFT (2018) Regie: Sven Unterwald
ANT-MAN AND THE WASP (2018) Regie: Peyton Reed
HILFE, ICH HABE MEINE FREUNDE GESCHRUMPFT (2021) Regie: Granz Henman
ANT-MAN AND THE WASP: QUANTURMANIA (2023) Regie: Peyton Reed
L’HOMME QUI RÉTRÉCIT Der Mann, der immer kleiner wurde – Die unglaubliche Geschichte des Mr. C (2025) Regie: Jan Kounen