Seit vielen Jahren moderiert Ralph Caspers Wissenssendungen für Kinder im Fernsehen – die auch von Erwachsenen gerne gesehen werden. Im Interview spricht er über den Blick ins Kleine und über immer neue Entdeckungsreisen.
Ludwig Greven: Hatten Sie als Kind ein Mikroskop?
Ralph Caspers: Ja, und ich hatte vor allem Yps-Hefte. Da lagen oft Vergrößerungen bei. Die haben mich schon damals fasziniert.
Nutzen Sie Mikroskope bei Ihren Wissenssendungen und -beiträgen vor allem für Kinder?
Wenn ich etwas recherchiere in einem Institut, dann schaue ich auch schon mal in ein solches Gerät. Das kann ein Rasterelektronenmikroskop sein oder ein optisches. Im vergangenen Jahr haben wir in der Technischen Hochschule Aachen gedreht. Sie züchten da Organe in der Petrischale. Das habe ich mir natürlich sehr genau angesehen, in x-facher Vergrößerung.
Mikroskope helfen, kleinste Dinge zu erkennen. Was reizt Sie an diesem Blick ins Kleine?
Sachen, die normalerweise verborgen sind, weil unsere Auflösung im Auge sie nicht darstellen kann. Das fängt an mit Insektenlupen. Die habe ich natürlich auch, weil ich mir jedes kleine Tier, das bei uns zu Hause herumkrabbelt, sehr genau anschauen möchte. Zum Beispiel eine Zitterspinne, die gerade eine andere frisst. Da so richtig einzutauchen und es zu vergrößern, das ist im Grunde auch das, was wir in der Sendung mit der Maus machen. Wir haben eine Frage, gehen ganz nah ran und versuchen so, Dinge zu zeigen, die man normalerweise nicht erkennt. Ich habe zum Beispiel mal eine Sachgeschichte dazu gemacht, warum Milchzähne keine Wurzeln haben. Unter dem Mikroskop konnte man sehen, wie Fresszellen die Wurzeln im Kiefer zersetzen. Das war die sehr greifbare Antwort.
Also größere oder große Fragen im Kleinen beantworten?
Ja, das ist etwas sehr Schönes. Nicht umsonst ist ja heute die Geste, mit Daumen und Zeigefinger etwas auf dem Smartphone oder dem Bildschirm zu vergrößern, uns allen so in Fleisch und Blut übergegangen, dass ich mich manchmal dabei erwische, das bei analogen Fotos machen zu wollen, um näher ranzugehen.
Die kleinen Dinge sind aber ja nicht wirklich verborgen, wir können sie nur ohne solche Hilfs-mittel und Tricks nicht sehen.
Dem würde ich widersprechen. Man kann nur die Dinge sehen, die man kennt und von denen man weiß, dass sie da sind. Nehmen Sie die ersten Menschen, die etwas vergrößert und dabei vielleicht Bakterien gesehen haben und erkannten, da ist etwas viel Kleineres, das lebt und Wirkung auf unseren Körper hat. Das war für sie vorher verborgen, ein großes Geheimnis. Früher dachte man, dass es an der Luft oder anderem liegt, wenn man krank wird. Plötzlich war klar, dass es Pathogene gibt, die uns beeinflussen. Das ist erst sichtbar geworden mit der Entwicklung des Mikroskops und der Technik des Vergrößerns. Wir wissen auch heute nicht, was noch alles um uns herum existiert, weil wir noch nicht die Wege und Mittel gefunden haben, es sichtbar zu machen.
Also eine ewige Entdeckungsreise ins Kleine und ins Große?
Jeder, der sich noch nie ein Haar unter dem Mikroskop angesehen hat, weiß nicht, dass Haare, obwohl sie sich glatt anfühlen, eine schuppige Struktur haben. Das ist das Faszinierende am Vergrößern: Obwohl man sich auf einen winzigen Punkt konzentriert, erweitert man seinen Horizont.
Endoskope, Ultraschallgeräte und Kernspintomographen ermöglichen heute auch, in unseren Körper hineinzusehen und dort kleinste Veränderungen zu erkennen. Fasziniert Sie das auch?
Total. Grundsätzlich beschäftigt mich bei meiner Arbeit immer: Wie funktioniert etwas? Um das zu verstehen, gibt es verschiedene Möglichkeiten. Entweder nimmt man etwas auseinander, um es zu untersuchen. Oder man geht ganz nah ran. Das hilft sehr, die Welt um uns herum zu verstehen. Das heißt auch, nah ranzugehen an ein Thema und sich auf einen Punkt, eine Frage zu konzentrieren und nicht abzuschweifen. Sondern die Frage groß zu machen und die Antwort entsprechend auch. Also mikroskopieren auf einer anderen Ebene. Mikroskope helfen uns dabei wiederum, diese Arbeit auf der Metaebene im Kleinen sichtbar zu machen. Wie sich zum Beispiel kleine Tierchen bewegen.
Wie bei einer Lupe muss man dabei jedoch sehr fokussieren, um das, was man sucht, nicht aus dem Blick zu verlieren und zu übersehen. Auch im übertragenen Sinne.
Man muss genau gucken. Dazu gehört, dass man sich Zeit nimmt, weil man das Mikroskop erst einstellen muss. Dieses kurze Innehalten ist wichtig, um in den Tunnel der Konzentration zu gehen, damit einen nichts ablenkt.
Es wird heute viel davon gesprochen, dass Konzentrationsfähigkeit und Aufnahmebereitschaft abnehmen, gerade bei jüngeren Menschen. Haben Sie den Eindruck, dass das Interesse daran, Dingen gründlich auf den Grund zu gehen und etwa in einer Sachgeschichte oder bei Quarks ausführlich zu erzählen, wie etwas entsteht, nach wie vor da ist?
Es ist eine Gratwanderung. Ich kann unheimlich viele Bilder aufnehmen, um einen Fakt zu beschreiben. Aber dann ist die Gefahr, dass man sich darin verliert und es schnell langweilig wird. Man muss also einen Weg finden, wie man einerseits das Interesse wecken kann, und andererseits, es nicht zu breit auszuwalzen. Das ist gerade bei unserer Arbeit für Kinder enorm wichtig. Dazu gehört auch, Gedanken hervorzubringen, die man normalerweise nicht denkt. Dass man plötzlich eine ganz neue Idee im Kopf hat und die für längere Zeit mit sich herumträgt, wenn der Film oder die Sendung schon lange vorbei ist. Das ist das Tollste, wenn es nachhallt, ganz nebenbei. Das ist auch eine Art von längerer Beschäftigung mit einer Frage oder einem Thema, auch ohne dazu ein Buch zu lesen.
Konzentration auf eine Frage, ohne sich ganz darauf zu fokussieren?
Das ist wie beim Mikroskopieren. Wenn man einmal gesehen hat, welche Mikroorganismen auf allen alltäglichen Oberflächen sind, lässt das viele nicht mehr los. Und man denkt sich, selbst wenn ich in meinem Zimmer alleine bin, bin ich gar nicht allein, weil auf mir drauf, in mir und um mich herum so viele Bakterien sind, die ich gar nicht zählen könnte. Das kann meine Lebenseinstellung verändern.
Gibt es bei Ihnen manchmal auch einen Ekelmoment, wenn Sie solche Mikroorganismen sehen?
Es weckt auch bei mir gelegentlich unangenehme Gefühle, wenn ich zum Beispiel das Katzenklo leere und daran denke, welche Parasiten darin sein können. Aber es überwiegt das Interesse, auch wenn ich zum Beispiel Kadaver von Tieren sehe. Da gehe ich auch gerne nahe ran, weil ich weiß, dass dort Maden ihre Nahrung finden und sie sich irgendwann zu Insekten weiterentwickeln, die dann von Vögeln gefressen werden. Das ist der Kreislauf der Natur. Das finde ich total faszinierend und gar nicht eklig. Das wird verstärkt durch Hilfsmittel, die es größer machen. Es zu erforschen und verstehen zu wollen, macht einfach Spaß.
Hilft das auch, sich als menschliche Gattung nicht so wichtig zu nehmen? Man könnte sich ja vorstellen, dass von einem anderen Planeten Wesen mit einem Fernrohr auf uns schauen.
Ich stehe sowieso auf dem Standpunkt, dass nichts eine Bedeutung von sich aus hat. Auch wir Menschen nicht. Sondern welche Bedeutung wir dem Ganzen geben. Das ist eine Frage der Perspektive.
Wir leben in einer Zeit, in der sich viele Menschen von der Realität entfernen, selbst der US-Präsident. Genau hinzuschauen – ist das ein Mittel gegen die Relativierung der Wahrheit?
Man kann hoffen, dass es bei Leuten einen Erkenntnismoment auslöst, wenn man ihnen Dinge zeigt. Aber wenn jemand an eine Verschwörung glaubt, dann ist jeder Fakt, der ihm präsentiert wird, für ihn nur ein weiterer Beweis dafür. Die Haltung muss sich ändern. Ein Mikroskop oder Teleskop hilft da nicht.
Sie leiden unter Gesichtsblindheit. Beeinträchtigt Sie das bei Ihrer Arbeit?
Ich kann Gesichter erkennen. Aber mein Gehirn erkennt Gesichter nicht wieder, die ich nicht so oft sehe. Unsere Wahrnehmung geschieht generell in zwei Stufen. Die optischen Reize werden durch unsere Sinnesorgane aufgenommen und ans Gehirn weitergeleitet. Und das interpretiert sie. Dafür muss es wissen: Was will ich eigentlich sehen? Und was sehe ich tatsächlich? Das sind zwei verschiedene Dinge. Das eine beeinflusst das andere. Auch da muss man lernen, auf welche Muster man anspringt. Wir sind Super-Mustererkenner. Das ist eine unserer besten menschlichen Fähigkeiten. Wir erkennen selbst da Gesichter, wo gar keine sind. Und dann muss man entscheiden: War das wirklich ein Gesicht in der Nacht am Fenster, oder waren es nur Zweige, die so aussahen und uns Angst machen? Wir haben alle Voreinstellungen im Gehirn. Die Frage ist: Können wir sie verändern oder abschalten?
Wie geht das?
Vielleicht reicht das Wissen darum, um nicht auf Trugbilder hereinzufallen. Auf der anderen Seite kann es dazu führen, überall Trugschlüsse zu vermuten, obwohl man die objektive Wirklichkeit sieht. Auch das ist ein schmaler Grat. Das muss man lernen und trainieren.
Haben Sie etwas, das Sie noch für sich selbst erkunden wollen?
Mein Kopf ist voll von Sachen, die ich mir genauer anschauen möchte. Deshalb bin ich froh, meine Arbeit zu haben, wo ich immer wieder Dinge erforschen und erklären kann. Ein Luxus.
Vielen Dank.