Das Museum Boijmans Van Beuningen im niederländischen Rotterdam gilt seit der Eröffnung im Jahr 2021 europaweit als Goldstandard des Schaudepots. Es ist das erste Gebäude weltweit, das die gesamte Sammlung eines Museums öffentlich zugänglich macht und dabei Einblicke hinter die Kulissen der Museumsarbeit gewährt. Politik & Kultur fragt nach den Erfahrungen und Erkenntnissen nach fünf Jahren des Betriebs.
Was war der zentrale Gedanke hinter der Entscheidung, das Museumsdepot der Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Und welchen Wandel erhoffen Sie sich in der traditionellen Beziehung zwischen Museumssammlungen, -depots und -besuchenden?
Der Ausgangspunkt für das Depot des Museums Boijmans Van Beuningen war sowohl praktischer als auch visionärer Natur. Einerseits brauchte das Museum Boijmans Van Beuningen ein neues, zukunftssicheres Lagergebäude für seinen Sammlungsbestand von mehr als 157.000 Kunstwerken. Andererseits hatten wir das Gefühl, dass eine öffentliche Sammlung besser zugänglich sein sollte. Üblicherweise sehen Besuchende nur einen kleinen Teil der Museumssammlung in der Ausstellung, während der Großteil im Depot des Museums verbleibt.
Mit dem Schaudepot wollten wir dieses Verhältnis neu denken. Anstatt die Sammlung, ihre Lagerfläche und die Öffentlichkeit voneinander zu trennen, haben wir sie in einem Gebäude zusammengeführt. Die Besuchenden werden in ein voll funktionsfähiges Depot eingeladen, in dem sie eingelagerte Kunstwerke entdecken und Einblicke in die Arbeit bekommen können, die mit der Erhaltung, Erforschung und Pflege einer Sammlung verbunden ist. Der Zugang dazu beginnt bereits beim Betreten des Gebäudes, wo die Besuchenden beobachten können, wie mit Kunstwerken logistisch umgegangen wird, wie sie verpackt und für den Transport vorbereitet werden. Im gesamten Gebäude können sie zudem einzelne Schaudepots erkunden und an Führungen durch die Lagerräume teilnehmen. Darüber hinaus besteht für die Besuchenden die Möglichkeit, Präsentationen zu Restaurierungsprojekten und Ausstellungen zu entdecken, die neue Perspektiven auf Werke aus unserer Sammlung eröffnen.
Unser Ziel war es nicht einfach nur, Lagerräume der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, sondern das Verständnis der Menschen dafür zu erweitern, was ein Museum leistet. Museen sind nicht nur Orte, an denen Kunstwerke ausgestellt werden; sie sind auch dafür verantwortlich, das kulturelle Erbe für künftige Generationen zu bewahren. Das Depot macht diese oft unsichtbare Arbeit sichtbar und zugänglich und bietet gleichzeitig neue Möglichkeiten, die Sammlung zu erleben.
Wie wirkt sich der öffentliche Zugang zum Depot auf den Arbeitsalltag dort aus? Welche besonderen Herausforderungen ergeben sich, wenn Konservierung, Logistik, Sicherheit und Sammlungsmanagement mit dem Publikumsverkehr in Einklang gebracht werden müssen?
Die größte Herausforderung besteht darin, den Zugang zum Depot zu gewährleisten, ohne die Arbeit der Konservierung, Logistik und Sicherheit zu beeinträchtigen. Im Laufe der Jahre haben wir die Erfahrung gemacht, dass öffentlicher Zugang und Sammlungspflege sehr gut miteinander vereinbar sind. Das Schaudepot ermöglicht es uns, die oft unsichtbare Arbeit der Erhaltung und Verwaltung einer Sammlung für ein breites Publikum sichtbar zu machen. Dies erfordert natürlich eine sorgfältige Planung. Sicherheit, Logistik, Konservierung und Publikumsverkehr müssen kontinuierlich in Einklang gebracht werden – manche Aktivitäten finden auch außerhalb der Betriebszeiten statt. Da die Lagerbereiche öffentlich einsehbar sind, müssen sie zudem stets aufgeräumt und vorzeigbar sein.
Was uns am meisten überrascht hat, ist das große Interesse der Besuchenden an dem Arbeitsalltag im Museum. Ob sie nun einen Restaurator bei der Arbeit beobachten, den Transport eines Kunstwerks mitverfolgen oder einer Technikerin bei Routineaufgaben zusehen, bleiben sie neugierig und respektvoll. Im Laufe der Zeit ist das Arbeiten in einem publikumsoffenen Raum für viele unserer Kolleginnen und Kollegen zur Selbstverständlichkeit geworden. Sie schätzen den Austausch mit den Besuchenden und geben gerne Einblicke in die Geschichten hinter ihrer Arbeit.
Was haben Sie über die Art und Weise gelernt, wie Besuchende in einer Depotumgebung mit den Sammlungen interagieren?
Wir haben festgestellt, dass Besuchende weitaus neugieriger auf die Arbeit hinter den Kulissen eines Museums sind, als viele vielleicht erwarten würden. Sie freuen sich über die Möglichkeit, die Sammlung aus einer anderen Perspektive zu entdecken und ein Gefühl für deren Umfang und Vielfalt zu bekommen.
Unser Schaudepot wirft viele Fragen zu den Themen Konservierung, Lagerung und Pflege der Sammlungen auf. Es hat uns gezeigt, dass Besuchende sich nicht nur für die Kunstwerke selbst interessieren, sondern auch dafür, wie Museen diese für künftige Generationen bewahren.
Um die Verbindung zum Publikum zu vertiefen und der Öffentlichkeit mehr von unserer Arbeit näherzubringen, organisieren wir regelmäßig Veranstaltungen und Projekte rund um die Themen Konservierung und Sammlungsforschung. Das Forschungsprojekt „Unpacking Boijmans“ befasste sich beispielsweise mit der Kolonialgeschichte der Objekte in unserer Sammlung. Im vergangenen Jahr bot die Ausstellung „Weeping Glass“ den Besuchenden die Möglichkeit, in die Rolle von Glasrestauratorinnen und -restauratoren zu schlüpfen und mehr über die Zerbrechlichkeit von Glas zu erfahren. Sie konnten die verschiedenen Anzeichen für instabiles Glas entdecken und selbst erleben, wie sich im Verfallsprozess befindliches Glas anfühlt, wie es aussieht und wie es riecht. Vor Kurzem stellte „All Around Fashion“ unser groß angelegtes Erfassungsprojekt vor, bei dem jedes Objekt unserer Modekollektion sorgfältig untersucht und für unsere Datenbank fotografiert wurde.
Wo sehen Sie nach mehrjähriger Erfahrung die größten Chancen – aber auch die Grenzen – des Modells eines öffentlich zugänglichen Depots?
Das Modell bietet eine einzigartige Gelegenheit, die Pflege der Sammlungen in den Mittelpunkt des Publikumserlebnisses zu rücken. Traditionell befinden sich die Lagerräume von Museen am Stadtrand und sind für die Öffentlichkeit weitgehend unzugänglich. Durch den Bau unseres Depots im Stadtzentrum, direkt neben dem Museum, ist es uns gelungen, einen wesentlichen Teil der Museumsarbeit sichtbar zu machen und einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Wir haben gesehen, wie begeistert die Rotterdamer Stadtbevölkerung das Schaudepot angenommen hat. Es hat auch private Sammlerinnen und Sammler angezogen, die Teile ihrer Sammlungen in eigens dafür vorgesehenen Lagerräumen präsentieren können. Vor allem aber ermöglicht es den Besuchenden zu erfahren, wie ein Museum seine Sammlung pflegt und warum Konservierung und Lagerung so wichtig sind. Gleichzeitig stößt dieses Modell jedoch an seine Grenzen. Ein Depot unterscheidet sich grundlegend von einem Museum. In der Regel finden Besuchende dort keine traditionellen Ausstellungsräume oder kuratierten Ausstellungen vor; daher ist es wichtig, ihnen vor und während ihres Besuchs klar zu vermitteln, was sie erwarten können. Mit Blick auf die Zukunft sehen wir die größte Stärke in der Koexistenz unserer beiden Gebäude. Wenn das Historische Museum im Jahr 2030 wiedereröffnet wird, können Besuchende beide Seiten unserer Arbeit erleben: das Museum als Ort für Ausstellungen und Erzählungen und das Depot als Ort, an dem die Pflege, Erhaltung und langfristige Bewahrung der Sammlung sichtbar werden. Zusammen vermitteln diese Gebäude ein umfassenderes Verständnis davon, was ein Museum leistet und was es sein sollte.
Aus dem Englischen übersetzt mit DeepL Translator und von Steffen Oks redaktionell bearbeitet. Zum englischen Original