Der weltberühmte Urvogel »Archaeopteryx lithographica«, der in der Haupthalle des Museums für Naturkunde Berlin ausgestellt ist, erzählt Evolutionsgeschichte und prägte die Evolution der Evolutionstheorie. Der Dinosaurier »Giraffatitan brancai«, der die Halle dominiert, erzählt Evolutions- und Kolonialgeschichte. Der Eisbär Knut mahnt zum pfleglichen Umgang mit Klima und Natur. Was die meisten Besuchenden allerdings nicht sehen, ist der eigentliche Schatz des Hauses: eine wissenschaftliche Sammlung von rund 30 Millionen Objekten, die 4,5 Milliarden Jahre Erdgeschichte umspannt.
Diese wissenschaftliche Sammlung ist ein Forschungsinstrument: Sie liefert die »Eisbohrkerne« der Biodiversität. Ein Vogelbalg, ein aufgespießtes Insekt, ein in Alkohol konservierter Fisch – jedes dieser Objekte trägt Informationen, die uns – nicht zuletzt dank neuer Techniken – neue Welten eröffnen, neue Erkenntnisse bescheren. Ein Beispiel aus unserer Sammlung: Die Paradiesvögel Neuguineas galten über ein Jahrhundert als Paradebeispiel für Darwins Theorie der sexuellen Selektion. Heute zeigen genetische Analysen an unserem historischen Sammlungsmaterial, dass Fortpflanzung offenbar auch über Artgrenzen hinweg gelingt. Was wir also bisher geglaubt haben, dass Artgrenzen das Reproduktionsverhalten einschränken, ist vielleicht gar nicht der Fall. Entstanden ist damit ein komplett neuer Forschungszweig. Möglich ist das, weil diese Vögel in der Sammlung liegen. Das macht historische Bestände unersetzlich.
Der Umgang mit ihnen kann allen Menschen Teilhabe ermöglichen und so hoffentlich dazu beitragen, unsere Demokratie zu stärken. Ein Beispiel: Weltweit gibt es rund 11.000 Vogelarten – unsere wissenschaftliche Vogelsammlung umfasst etwa 200.000 Objekte und damit rund 80 Prozent dieser Vielfalt. Rund 11.500 historische Standpräparate stehen im Mittelpunkt der Sonderausstellung ZUGvögel. Diese Sonderausstellung, die im Zusammenwirken mit den Besuchenden – jährlich kommen etwa 750.000 Menschen zu uns – erarbeitet wurde, erzählt nicht nur von der Vielfalt der Vogelwelt, sondern auch von der Geschichte des Museums, von Forschung und von den Veränderungen, die das Museum bis heute prägen. Sie zeigt auf, wie sich das Museum im Rahmen seiner Museums-Evolution zu einem offenen Forschungsmuseum entwickeln wird.
Unsere wissenschaftliche Sammlung ist also kein Archiv der Vergangenheit, sondern ein Werkzeugkasten für Fragen, die wir noch gar nicht kennen. Unsere wissenschaftliche Sammlung, die jährlich um 300.000 bis 600.000 Objekte, insbesondere Insekten, wächst, ist eine Wissensinfrastruktur, an der gut 160 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler am Museum aktiv forschen. Die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeiten sind die Basis für unsere Ausstellungen. So wurde die Präsentation von »Giraffatitan brancai« nach neuesten Erkenntnissen der Biomechanik grundlegend überarbeitet und auch nachdem die kolonialen Bezüge des Objekts erforscht worden waren. Heute erzählen Begleittexte und Exponate von den historischen Umständen, unter denen diese Knochen nach Berlin kamen. Das macht Ausstellungen – die gleichzeitig Forschungssammlungen sind – relevant.
Der Zukunftsplan
Dieser wissenschaftliche Wert trifft allerdings auf eine bauliche Realität, die dringend sanierungsbedürftig ist. Seit der Gründung 1810 bis zur Wiedervereinigung war das Museum für Naturkunde Berlin das Deutsche Nationale Naturkundemuseum. Fast alles, was Deutschland in dieser Zeit in der Natur entdeckte und einen Namen bekam, kam in diese Sammlung. Darunter auch viele Objekte, die erstmals eine Art beschreiben, die sogenannten Typen. Es gibt zwei Millionen Arten auf der Welt, die beschrieben sind. Das Museum für Naturkunde bewahrt zehn Prozent aller Typen. Zehn Prozent des gesamten Wissens über die belebte Mitwelt unseres Planeten liegen in diesem Haus.
Aber etwa 80 Prozent der Gebäudesubstanz sind im Zustand vom 8. Mai 1945, also nach den Bombenangriffen. 2013 wurde hier der Hollywood-Film »Monuments Men« gedreht, in dem es um die Suche nach den von Nationalsozialisten geraubten Kunstgütern im Zweiten Weltkrieg geht. Unser Haus wurde ausgewählt, weil man nichts an der Fassade ändern musste. Es ist also mehr als überfällig, dass sich etwas ändert.
Deshalb steckt das Museum derzeit in einer Generalsanierung mit einem Volumen von 660 Millionen Euro, finanziert von Bund und Land Berlin. 2035 wollen wir mit dem Zukunftsplan, also mit dem Umbau, dem Neubau und mit der Neugestaltung des Museums fertig sein.
Ein zentraler Baustein ist der neue Standort in Adlershof: ein rund 19.000 Quadratmeter großer, dreigeschossiger Neubau. Er ist konzipiert für schwerlastfähige, klimaoptimierte Sammlungslagerung samt Hightech-Laboren sowie geothermischer Heiz- und Kühltechnik. Dieser Bau soll 2029 fertiggestellt sein. Wir sind im Zeit- und Budgetplan.
Offene Wissensinfrastruktur
Wir haben jetzt die einmalige Chance, die Sammlung konsequent zu einer offenen Wissensinfrastruktur zu gestalten und unseren Beitrag zu Demokratie zu leisten.
Der Umzug ist erstens die Chance zur Erstellung eines umfassenden digitalen Katalogs bzw. zur Digitalisierung, die wir konsequent nutzen. Weil ohnehin jedes Objekt in die Hand genommen werden muss und zahlreiche historische Präparate zudem aus einer Zeit stammen, in der mit heute verbotenen Stoffen konserviert wurde, lassen sich Entgiftung, Neuverpackung und digitale Erfassung in einem Arbeitsschritt zusammenlegen. Das ist kein administratives Beiwerk, sondern die Voraussetzung dafür, dass ein Objekt in Berlin überhaupt in dem globalen Forschungs- und Wissenskontext aufzufinden ist. Aus dem 2010 erfolgten Wiederaufbau des im Krieg zerstörten Ostflügels wissen wir, wie eng Konservierung und Logistik zusammenhängen. Heute lagern in dem Ostflügel unter energetisch optimierten Bedingungen 276.000 Gläser mit in Alkohol konservierten Tieren, ein Teil davon öffentlich einsehbar – unser »Bernsteinzimmer«.
Zweitens muss die Sammlung konsequent als Infrastruktur für Zukunftsfragen gedacht werden. Der Neubau in Adlershof ist bewusst kein zweites Museum, sondern ein Arbeitsort für die weitere Erschließung, neue Forschungsprojekte und die zuverlässige Pflege und Aufbewahrung unserer wissenschaftlichen Sammlung. Der historische Bau in der Invalidenstraße wird nach seiner Sanierung noch stärker zum Ort des Dialogs mit der Gesellschaft werden.
Damit ist nämlich drittens auch der Raum geschaffen, um das Museum für Naturkunde noch stärker für Menschen zu öffnen, die Lösungen für unsere Zukunft, für Natur, Demokratie und Gesellschaft mitgestalten wollen. Unser Ziel ist, Menschen zu ermöglichen, sich in ihrer Freizeit an wissenschaftlichen Prozessen zu beteiligen und – was Forschende gern übersehen – zu einem Wandel in der Wissenschaft beizutragen. Im historischen Bau in der Invalidenstraße werden zukünftig die Ausstellungen und das »Parlament für Natur« Platz finden. Im Eingangsbereich, der dann separat vom Rest des Museums geöffnet werden kann, soll ein Ort für wissensbasierten Austausch und Pläneschmieden entstehen. Er kann Raum für Gespräche rund um das Thema Erhalt und Wiederherstellung der Vielfalt der Natur, präziser Biodiversität, zwischen Wissenschaft, Politik, Gesellschaft und Wirtschaft bieten und 24/7 geöffnet sein, wenn wir Partnerinnen und Partner finden. Für uns ist Partizipation Leitgedanke für Forschung und Praxis: Wir forschen zu Partizipation und wir unterstützen unsere Forschenden, Partizipation in ihren Projekten mitzudenken.
Und viertens ist Sammlungsarbeit eine globale Verantwortung, keine nationale Verwaltungsaufgabe. Ein erheblicher Teil europäischer Naturkunde-bestände, auch im Museum für Naturkunde Berlin, stammt aus kolonialen Sammelkontexten. Diese gilt es im Rahmen der Provenienzforschung aufzudecken und neue Wege der internationalen Zusammenarbeit zu beschreiten. Ganz im Sinne der verstorbenen Historikerin Rebekka Habermas, die 2019 in einem Beitrag für »Aus Politik und Zeitgeschichte« schrieb: »Als Erfindungen des 19. Jahrhunderts bedürfen Museen einer solchen kritischen Neubestimmung. Nur so könnten sie von einem Ort des Konservierens stillgestellter Geschichten und des Verschweigens kolonialer Geschichte zu einem Forum für gesellschaftliche Debatten werden.«
Unter anderem mit »TheMuseumsLab« nimmt das Museum für Naturkunde Berlin diese Verantwortung wahr. Dieses Programm, das bislang rund 250 Museumsfachleute aus afrikanischen Ländern und Europa im gegenseitigen Wissensaustausch – und bewussten Verlernen alter Deutungsmuster – zusammengebracht hat, ist beispielhaft für neue Wege der internationalen Zusammenarbeit. Solche Formate zeigen, dass die Frage, wer über Zugang, Nutzung und Nutzen von Sammlungsdaten entscheidet, praktisch lösbar ist, wenn man sie ernsthaft angeht.
Deep change or slow death
In der Wirtschaft wie in der Evolution gibt es oft nur die Wahl zwischen »Deep change or slow death«. Die Frage ist also nicht, ob sich Museumsdepots wandeln müssen, das müssen sie. Aber die Museen müssen sich fragen, ob sie zu einem tiefgreifenden Wandel bereit sind. Und Politik und Förderinstitutionen sollten, wie in unserem Fall, diesen Wandel dann mit Mut unterstützen.