Deponieren, v.: niederlegen, bes. zur Aufbewahrung. So beschreibt L. K. Weigand in seinem Deutschen Wörterbuch von 1909 den Vorgang, um den es hier geht. Der weitaus größte Teil der Museumsbestände lagert in Depots. Deshalb ist die Frage, wie es um die Depots unserer Museen steht, keineswegs nachrangig, sondern eine zentrale Frage der Kulturpolitik.
Sammeln
Zu den Kernaufgaben von Museen gehören das Sammeln, das Bewahren, das Erforschen, das Ausstellen und das Vermitteln. Ausstellungen repräsentieren also nur einen Teilbereich des musealen Aufgabenspektrums. Viele Museen können bei ihren Ausstellungen, insbesondere den Dauerausstellungen, auf den eigenen Sammlungsbestand zurückgreifen. Dieser Bestand zeugt von Interessen, Verbindungen, Ankäufen, Schenkungen und anderem mehr aus der Vergangenheit eines Museums. Der Sammlungsbestand als solcher ist bereits ein Artefakt. Er gibt Auskunft über den Gründungsimpuls, die Sammlungsgeschichte und die Veränderungen eines Museums im Laufe der Zeit. Was gesammelt wurde, was nicht gesammelt wurde und was möglicherweise wieder aus einer Sammlung ausgeschieden ist, erzählt etwas über die jeweilige Zeit und das Selbstverständnis eines Museums.
Bewahren
Sammeln ohne Bewahren ist kaum denkbar. Nur durch die adäquate Bewahrung behält eine Sammlung ihren Wert. Den Depots muss mindestens die gleiche Aufmerksamkeit geschenkt werden wie den Ausstellungsräumen. Denn nur wenn die Objekte sicher, unter klimatisch angemessenen Bedingungen, geordnet, auffindbar und vor Schädlingen geschützt aufbewahrt werden, können sie langfristig erhalten, erforscht und zugänglich gemacht werden.
Ein Depot ist weitaus mehr als ein gut aufgeräumter Keller eines Museums, aus dem bei Bedarf Objekte hervorgeholt werden. Das Depot ist vielmehr das Herzstück eines Museums. Hier wird das kulturelle Erbe bewahrt, das in den Ausstellungen immer nur ausschnittweise sichtbar werden kann. Zur Bewahrung gehört ggf. auch die Restaurierung von Objekten, damit sie langfristig erhalten bleiben und bei Bedarf für eigene Ausstellungen oder den Leihverkehr zur Verfügung gestellt werden können. Die Qualität eines Museums bemisst sich deshalb nicht allein an seinen Ausstellungen, sondern ebenso daran, wie verantwortungsvoll es mit den ihm anvertrauten Sammlungen umgeht.
Erforschen
Für die Forschung bieten die in den Depots bewahrten Sammlungsstücke einen kaum zu überschätzenden Fundus. Die dort aufbewahrten Objekte können erforscht werden, ohne die laufenden Ausstellungen zu beeinträchtigen. Dabei eröffnen sich neue Fragestellungen, wissenschaftliche Methoden und Erkenntnismöglichkeiten.
In den vergangenen Jahren stand insbesondere die Erforschung der Provenienz von Sammlungsgut im Mittelpunkt. Das gilt seit einigen Jahrzehnten vor allem für Objekte, bei denen der Verdacht besteht, dass es sich um NS-verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut handelt. Hier geht es neben der Erforschung der Herkunft und der Besitzgeschichte auch um die Frage möglicher Rückgaben.
Neben NS-verfolgungsbedingt entzogenem Kulturgut ist Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten Gegenstand der Provenienzforschung.
Neben den historischen Kontexten und der Herkunft werden die Materialien, ihre Zusammensetzung, Herstellungstechniken und vieles andere mehr untersucht. Bei technischem Kulturgut geht es oftmals auch darum, die ursprüngliche Funktionsweise zu rekonstruieren oder Geräte wieder in Gang zu setzen. Tier- und Pflanzenpräparate geben Auskunft über die Biodiversität und sind wichtige Zeugnisse, um die Veränderungen von Natur und Umwelt zu verstehen. Auch die Entstehung und Entwicklung von Sammlungen sind eigenständige Forschungsgegenstände und bieten vielfältige Bezüge zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen.
Die Museumsdepots sind ein Schatz, der immer wieder neu gehoben werden kann. Was heute möglicherweise wenig Beachtung findet, kann morgen für eine wissenschaftliche Fragestellung von großer Bedeutung sein.
Ausstellen
Traditionell dienen Depots als Reservoir für Ausstellungen – seien es solche im eigenen Museum oder Leihgaben für Ausstellungen anderer Häuser. Dass ein Depot selbst zum Ausstellungsort wird, ist in Deutschland eine vergleichsweise neue Entwicklung. In anderen europäischen Ländern sind Depots schon länger auch Ausstellungsorte. Diese Öffnung bringt neue Herausforderungen für die Präsentation, Aufbewahrung und Zugänglichmachung mit sich.
Hierzu gehören die Anforderungen an die Sicherheit der Objekte, wenn ein Depot für Besucherinnen und Besucher geöffnet werden soll. Auch konservatorische Bedingungen müssen gewährleistet bleiben. Nicht jedes Objekt verträgt Licht, wechselnde Temperaturen oder die unmittelbare Nähe eines größeren Publikums.
Wenn ein Depot zum Ausstellungsort wird, eröffnet es den Besucherinnen und Besuchern neue Chancen, in die Welt der Sammlungen einzutauchen.
Ein öffentlich zugängliches Depot kann vielmehr noch die Breite und Vielfalt des gesammelten kulturellen Erbes sichtbar machen.
Vermitteln
Der Aspekt der Vermittlung gewinnt im Depot besonders dann an Bedeutung, wenn es – und sei es nur in Teilbereichen – der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird. Denn Depotbestände erschließen sich nicht von selbst.
Was unterscheidet die Objekte voneinander? Warum wurden sie gesammelt? Welche Geschichte erzählen sie? Weshalb ist auch ein auf den ersten Blick unscheinbarer Gegenstand bewahrenswert? Um den Wert und die Bedeutung von Objekten einordnen und einschätzen zu können, ist Vermittlung unverzichtbar.
Dabei kann gerade das Depot besondere Möglichkeiten eröffnen. Anders als in einer Ausstellung, in der Objekte oftmals in einen bereits entwickelten Erzählzusammenhang eingebettet sind, können Besucherinnen und Besucher im Depot die Vielfalt einer Sammlung unmittelbar erleben. Das Depot kann so zu einem Ort des Dialogs zwischen Museum und Öffentlichkeit werden.
Herausforderungen
Die Öffnung von Depots ist eine große Chance für Museen. Die Breite und Qualität des Sammlungsgutes können sichtbar gemacht werden. Das Publikum kann noch näher an das Museum und seine Arbeit herangeführt werden. Neue Möglichkeiten im Bereich der »Citizen Science«, also der aktiven Beteiligung von Bürgerinnen und Bürgern an wissenschaftlicher Forschung, können sich eröffnen. Sie können einen wichtigen Beitrag zur gesellschaftlichen Verankerung der Museen in ihrer Stadt und ihrer Region leisten.
Gleichzeitig müssen die schwierigen Rahmenbedingungen im Blick behalten werden.
So manches Museum wäre wahrscheinlich schon froh, überhaupt über ein Depot zu verfügen, das gut erreichbar, technisch angemessen ausgestattet und vor allem nicht aus allen Nähten geplatzt ist. Viele Museumsleitungen stehen vor der Herausforderung, ihre Bestände überhaupt sachgerecht lagern zu können, um die Grundanforderungen des Sammelns, Bewahrens und Erforschens zu gewährleisten. Nicht selten fehlt es an ausreichenden Flächen, einer angemessenen Klimatisierung, geeigneten Regalsystemen oder schlicht an Personal.
Deshalb darf die berechtigte Begeisterung für öffentlich zugängliche Depots nicht darüber hinwegtäuschen, dass zunächst die grundlegenden Voraussetzungen für die Bewahrung der Sammlungen gesichert werden müssen.
In jedem Fall bin ich fest davon überzeugt, dass den Depots in der Kulturpolitik deutlich mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden muss. Wer über die Zukunft der Museen spricht, darf nicht nur über neue Ausstellungen, spektakuläre Museumsbauten und steigende Besuchszahlen sprechen. Er muss auch darüber sprechen, unter welchen Bedingungen das kulturelle Erbe gesammelt, bewahrt und erforscht wird. Denn ohne gut ausgestattete Depots gibt es auf Dauer keine guten Museen.
Das Niederlegen, also das Deponieren, als zentrale Kulturtechnik steht deshalb im Mittelpunkt dieses Schwerpunktes. Ich danke herzlich Sylvia Willkomm vom Deutschen Museumsbund und Joseph Hoppe vom Bundesverband Industriekultur für ihre Unterstützung bei der Erarbeitung des Schwerpunktes.