Museen haben einen eigentümlichen Auftrag: Sie sollen bewahren, was vergangen ist, und dabei materielles Zeugnis von einer Gegenwart ablegen, deren Bedeutung sich aber oft erst in der Zukunft erkennen lässt. Sammeln bedeutet deshalb immer auch eine Entscheidung über Zeit. Was heute als einzigartiges Zeugnis in eine Sammlung aufgenommen wird, kann in hundert Jahren vielleicht niemand mehr verstehen. Umgekehrt kann das, was uns als nebensächlich, redundant oder entbehrlich erscheint, morgen eine wichtige Quelle sein. Sammlungen sind deshalb nicht nur Speicher von Dingen, sondern sie zeigen, was eine Gesellschaft zu unterschiedlichen Epochen für erinnerungswürdig hält. Von Anfang an lag die Aufmerksamkeit der Museen vor allem auf dem Aufbau ihrer Bestände. Sammeln galt und gilt als nahezu unumkehrbarer Akt: Einmal erworben, sollte ein Objekt möglichst für immer im Museum verbleiben. Sammeln wurde – vor allem aus dem positivistischen Wissenschaftsverständnis des 19. und frühen 20. Jahrhunderts heraus – allumfassend verstanden. Das Erwerben von möglichst vielen Objekten und ihr Erhalt für die Nachwelt waren entscheidend. Und nicht selten sah man in der Frühzeit des Sammelns auch über juristisch und ethisch-moralisch fragwürdige Erwerbungsvorgänge hinweg. Hauptsache, die Dinge kamen ins Museum.
Sammlungen tragen ganz wesentlich zum kulturellen Gedächtnis bei. Museen gelten zudem nicht primär als Ausstellungshallen, sondern vor allem als Wissensarchive. Museen haben ebenso wie Bibliotheken und Archive den Status einer Gedächtnisinstitution. Dies hat aber auch dazu geführt, dass Sammlungen nahezu unkontrolliert gewachsen sind, ohne dass immer klar war, welche Funktion einzelne Objekte langfristig erfüllen sollten. Heute stehen viele Museen vor der paradoxen Situation, dass sie zwar immer mehr bewahren, aber nicht zwangsläufig auch immer mehr Bedeutung erzeugen.
Sammeln heißt auswählen
Keine Sammlung kann die Welt vollständig abbilden. Schon aus praktischen Gründen muss jedes Museum auswählen, und diese Auswahl ist niemals neutral. Sie folgt historischen, wissenschaftlichen, gesellschaftlichen, ästhetischen, ethischen, politischen und institutionellen Kriterien. Und diese Kriterien haben sich im Verlaufe der letzten beiden Jahrhunderte auch immer wieder erheblich gewandelt.
Manche Sammlungen folgten dem Kanon des Bedeutenden, nationalen Erzählungen, der Konzentration auf prominente Künstler oder besonders repräsentative Objekte. Andere bezogen von Anfang an Unscheinbares und Objekte des alltäglichen Gebrauchs mit ein. Rückblickend dürfte dieser allumfassende, positivistisch geprägte Sammelansatz in der Frühzeit der Museen ausgesprochen klug gewesen sein, anstatt von Anfang an ein bestimmtes Narrativ zur Grundlage der Sammelstrategie zu machen. Viele Geschichten aus der Frühzeit der Museen würden wir nämlich heute gewiss nicht mehr so erzählen wollen.
Die von den Vorgängergenerationen überkommenen Sammlungen lassen heute glücklicherweise viele Geschichten erzählen, gerade weil sie so umfassend sind und keiner bestimmten Erzählstrategie folgen. Dadurch können wir auch neue Perspektiven hinzufügen, die die Bedürfnisse einer vielfältigen Gesellschaft ernst nehmen und für Teilhabe, Inklusion und Diversität stehen.
Vom Wachstum zur Priorisierung
Die Zeit der permanenten Expansion musealer Sammlungen, die die Frühzeit der Museen prägte, ist vorbei. Je nach Art der Sammlung ist heute ein rechtmäßiger Erwerb vielfach gar nicht mehr möglich, denken wir insbesondere an archäologische oder auch ethnologische Objekte, die inzwischen fast weltweit dem gesetzlichen Schutz vor illegaler Ausfuhr unterliegen. Entsprechend unterschiedlich sind die Antworten auf die Frage, wie zukünftig weitergesammelt werden soll.
Sinnvoll ist die strategische Verdichtung einer Sammlung, das Füllen von Lücken, nicht die gedankenlose Erweiterung. Dieses Füllen von Lücken wird dabei vermehrt auch durch internationale Museumskooperationen und langfristige Leihgaben möglich. Ein Museum muss heute nicht mehr alles sein Eigentum nennen können, um damit wissenschaftlich zu arbeiten und seinem gesellschaftlichen Bildungsauftrag nachzukommen. Eigentum und Bewahrung müssen nicht identisch sein. Wichtig ist vielmehr, welche Rolle ein Objekt innerhalb eines Sammlungszusammenhangs spielt. Ich würde es sogar so sagen wollen: Das einzelne Objekt steht nur mehr insofern im Mittelpunkt, wie es die Aussagekraft des Gesamtbestandes stärkt.
Zur strategischen Verdichtung einer Sammlung kann auch das Entsammeln beitragen, ein zunächst irritierender Begriff. Tatsächlich kann jedoch gerade ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Bestand dazu führen, dass ein Museum sich von bestimmten Objekten trennt, die an anderem Ort in einem neuen Gesamtkontext sinnvoller aufgehoben sind oder besser beforscht werden können. Entsammeln darf dabei jedoch niemals als bloße Reduktion oder gar Veräußerung von Lagerbeständen verstanden werden, sondern immer nur als ein Instrument der Sammlungsentwicklung.
Bisweilen ist aus Kreisen der Träger von Museen zu hören, mehrfach vertretene Objekttypen oder sogenannte Dubletten könnte man doch veräußern, um damit steigende Kosten ihrer Unterbringung sowie des Museumsbetriebs insgesamt zu decken. Dem muss man energisch widersprechen! Niemand käme auf die Idee, von drei Caravaggios oder von drei Picassos jeweils zwei zu verkaufen, weil man dann ja schließlich immer noch einen in der Sammlung hätte. Die Bewahrung des in unseren Museen zusammengetragenen kulturellen Erbes verursacht Kosten, aber diese Kosten sind mit der Verantwortung verbunden, die wir mit dem Aufbau der Sammlungen übernommen haben. Und eine Kulturnation wie Deutschland darf sich dieser Verantwortung nicht entziehen.
Weniger sammeln und mehr bewahren?
Ein Museum ist kein Warenlager der Vergangenheit, sondern eine Institution des kulturellen Gedächtnisses. Museen sollen nicht möglichst viel besitzen, sondern möglichst viel kulturelles Wissen langfristig sichern.
Vielleicht muss sich auch unser Verständnis von Sammlungen und deren Größe verändern. Ihre Stärke zeigt sich nicht primär darin, wie viele Objekte sie besitzen, sondern wie überzeugend sie begründen können, warum bestimmte Dinge bewahrt werden, welche Geschichten sie erzählen, und welche Verantwortung daraus für die Zukunft erwächst. Die zentrale Frage ist deshalb: Was müssen wir bewahren, damit zukünftige Generationen ihre eigene Gegenwart und Vergangenheit verstehen können? Jede Sammlung ist eine Entscheidung gegen das Vergessen. Aber sie ist zugleich immer auch eine Entscheidung darüber, was wir dem Vergessen überlassen.