Eric Strohmeier-Wimmer ist als wissenschaftlicher Leiter verantwortlich für die Sammlung des DDR Museums. Politik & Kultur gibt er Auskunft zum Umgang mit privaten Spenden, Sammlungskonzepten und Vermittlungsarbeit.

 

Ein großer Teil der Sammlung des DDR Museums geht auf private Spenden zurück. Was bedeutet diese Form des Sammelns für das Profil Ihrer Bestände – und welche Geschichten und Perspektiven kommen dadurch ins Museum, die auf anderem Wege verloren gingen?

Der überwiegende Teil der rund 400.000 Objekte umfassenden Sammlung des DDR Museums wurde von der Bevölkerung gespendet. Der persönliche Kontakt mit den Personen, die dem DDR Museum Alltagsgegenstände überlassen, ermöglicht einen wertvollen Austausch über Informationen, Erinnerungen und Erlebnissen, die in enger Beziehung zu den jeweiligen Gegenständen stehen. Diese persönlichen Erzählungen eröffnen einen einzigartigen Blick auf den Alltag und die Geschichte der DDR aus individueller Sicht. Sie machen eine Mikroperspektive sichtbar, die in einer übergreifenden Betrachtung der Vergangenheit leicht verloren gehen kann.

Es sind subjektive Erfahrungsdimensionen der Zeitzeugen aus dem untergegangenen SED-Staat, die durch die überlassenen Objekte greifbar werden. Für die Vermittlungsarbeit im Museum sind diese persönlichen Erzählungen von besonderer Bedeutung. Sie ermöglichen es, Emotionen beim Publikum anzusprechen und einen Zugang zu vergangenen Lebenswelten zu schaffen. In unserem 2025 eröffneten Depot bieten wir zusätzlich einen Ort für Erinnerung und reale Begegnung zwischen Menschen, in dem ein Austausch über historische Perspektiven zur ostdeutschen Geschichte auf Augenhöhe und mit unterschiedlichen Ansätzen interdisziplinär möglich ist.

 

Nicht jedes angebotene Objekt kann dauerhaft in die Sammlung aufgenommen werden. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, was übernommen wird, und wie gehen Sie mit der Spannung zwischen persönlichem Erinnerungswert und musealer Relevanz um?

Die Mitarbeitenden der Sammlung des DDR Museums erreichen nahezu täglich Spendenangebote auf vielfältigen Wegen und in unterschiedlicher Form. Grundlage für eine Übernahme sind das interne Sammlungskonzept sowie die fachliche Abstimmung und gemeinsame Bewertung innerhalb des Sammlungsteams.

Die angebotenen Objekte müssen in den Sammlungskontext passen und einen Bezug zur Alltags- und Kulturgeschichte der Sowjetischen Besatzungszone oder der DDR von 1945 bis 1990 aufweisen. Zudem spielen der Erhaltungszustand sowie die grundsätzliche Ausstellbarkeit eine Rolle. Von besonderer Bedeutung ist für uns die Objektgeschichte. Die mit den Gegenständen verbundenen persönlichen Geschichten, Erinnerungen und Informationen können einen wesentlichen Beitrag zu deren Einordnung und Verständnis leisten.

Im Umgang mit den Angeboten ist ein hohes Maß an historischer Expertise und Empathie gegenüber den Personen erforderlich, die sich mit ihren Spenden und persönlichen Geschichten an unser Haus wenden.

 

Welche besonderen Anforderungen stellt eine stark wachsende alltagsgeschichtliche Sammlung an Depot, Dokumentation und Erschließung? Und wie lässt sich sicherstellen, dass die große Zahl an Objekten nicht nur bewahrt, sondern auch für Forschung, Ausstellungen und Vermittlung nutzbar bleibt?

Das DDR Museum sammelt und bewahrt historische Artefakte im entsprechenden Sammlungskontext. Eine der wesentlichen Aufgaben besteht darin, den Depotbestand für die Überarbeitung der Dauerausstellung und für Wechselausstellungen im Museum bereitzustellen. Zusätzlich spielt die Sammlung eine wichtige Rolle im regelmäßigen Leihverkehr mit anderen Kultureinrichtungen – auch über die Grenzen Deutschlands hinaus.

In der Forschungs- und Vermittlungsarbeit nutzen wir unterschiedliche Angebote und Formate. Neben der Online-Datenbank tragen Publikationen, Depotführungen und Workshops dazu bei, die Objekte und die mit ihnen verbundene Geschichte zu erforschen, zu vermitteln und einem breiten Publikum zugänglich zu machen.

Die größte Herausforderung bei der Sammlungsarbeit ist die fachgerechte Dokumentation des umfangreichen Depotbestandes. In Zeiten von Künstlicher Intelligenz und der Verbreitung von alternativen Geschichtserzählungen, die nur vage auf historischen Fakten fußen, müssen wir dafür Sorge tragen, inhaltlich sauber und auf der Grundlage von seriösen Quellen zu arbeiten.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11-12/2026