Wenn Museen heute ihre Türen für kulturelle Teilhabe und Partizipation öffnen, dann selten jene in die Museumsdepots. Als materielle Infrastruktur der Sammlung sind sie Voraussetzung für systematisches Sammeln, Bewahren und Forschen. Viele Depots sind aus konservatorischen, sicherheitstechnischen und gesundheitlichen Gründen nicht öffentlich zugänglich. Daraus folgt, dass die partizipative Auseinandersetzung mit den Sammlungsbeständen an anderen Orten stattfinden muss. Entscheidend ist aber auch weniger, ob möglichst viele Menschen ein Depot physisch betreten können, sondern wie sie an den Prozessen rund um die Sammlung beteiligt werden: an der Befragung und Kontextualisierung von Objekten, ihrer Neubewertung, der Ergänzung fehlender Objekt- und Wissensbestände und auch daran, was und wie künftig gesammelt wird.
Das Landesmuseum Württemberg in Stuttgart beschäftigt sich seit einigen Jahren mit jenen Fragen nach Beteiligung an Sammlungsfragen und erprobt unterschiedliche Herangehensweisen in der Praxis.
Die Sammlungen des Landesmuseums Württemberg umfassen mehr als eine Million Objekte, von denen nur ein Bruchteil ausgestellt ist. Rund 95 Prozent sind für die Öffentlichkeit nicht sichtbar. Sie lagern in 15 unterschiedlichen Depots, teilweise weit voneinander entfernt. Mitarbeitende arbeiten kontinuierlich daran, Objektzustände zu erhalten, Lagerungen und Verpackungen zu verbessern, Standorte zu definieren, Objekte zugänglich und wiederauffindbar zu machen.
»Unboxing Wandschmuck«: Depotarbeit sichtbar machen
Die musealen Kernaufgaben der Sammlungsarbeit im Depot öffentlich sichtbar zu machen, ist Ziel des Projektes »Unboxing Wandschmuck. Vom Depot zur Ausstellung« (seit 18.6.2026) im Museum Alltagskultur, einer Außenstelle des Landesmuseums Württemberg in Waldenbuch. Das Projekt vermittelt die Voraussetzungen wissenschaftlicher Sammlungsarbeit, die Wiederauffindbarkeit der Objekte im Depot und ihre öffentliche digitale Zugänglichkeit. An ausgewählten Tagen finden im Ausstellungsraum sogenannte Sammlungsrevisionen statt: Restauratorinnen und Restauratoren reinigen vorbereitend Objekte aus dem Depot. Im Ausstellungsraum werden dann Inventarnummern geprüft, Objektzustände eingeschätzt, Maße genommen, Fotografien angefertigt sowie Depotstandorte und Verpackungen neu definiert. Museumsbesuchende können die Arbeitsschritte nachvollziehbar beobachten, Fragen stellen und mit den Depotmitarbeitenden ins Gespräch kommen. Erste Rückmeldungen zeigen, dass das Verständnis für Sammlungs- und Depotarbeit auch die Wertschätzung für materielles Kulturgut und museale Arbeit steigert.
»Mehr als eine Realität. Queere Perspektiven in der Schausammlung«
Wie aber kann Wissen aus Communities und Öffentlichkeit konkret in die Sammlung einfließen? Das Projekt »Mehr als eine Realität. Queere Perspektiven in der Schausammlung« am Landesmuseum Württemberg erarbeitete gemeinsam mit künstlerisch tätigen Personen aus der queeren Szene Stuttgart eine Intervention in der Schausammlung (Juli 2026 bis Februar 2027). Dabei ging es nicht nur darum, queere Lebensweisen als Teil der Landesgeschichte sichtbar zu machen, sondern auch um die Untersuchung der Sammlungen auf Leerstellen. Externe Perspektiven ermöglichten, neues Wissen zu unterrepräsentierten Themen zu ergänzen und zu dokumentieren. Besonders produktiv werden solche Prozesse, wenn sie im Museum nicht als moralische Sanktionierung bisheriger Praxis, sondern als Erweiterung wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Perspektiven verstanden werden.
Teilhabe und Zugänglichkeit als Chance für museale Sammlungen
Viele Sammlungsobjekte sind durch historische Deutungen geprägt. Teilhabeorientierte Prozesse, die Expertisen aus Communities und Stadtgesellschaft einbinden, können überraschende Perspektiven öffnen und bieten das Potenzial, Fragestellungen und Wissen zu integrieren, die innerhalb institutioneller Routinen nicht automatisch entstehen.
Die Zugänglichkeit zu den Sammlungen ist jedoch nicht allein über die Öffnung eines Museumsdepots gelöst, sie ist keine Eigenschaft, die eine Institution besitzt oder nicht besitzt. Sie muss hergestellt werden – räumlich, konservatorisch, digital, organisatorisch und epistemisch. Die eigentliche Öffnung besteht also nicht darin, möglichst viele Menschen durch ein Depot zu führen, sondern die Türen der musealen Wissensproduktion zu öffnen. Wer diese Öffnung ernst meint, muss aber auch Voraussetzungen schaffen und über die vermeintlich unspektakuläre Infrastruktur des Sammelns sprechen. Partizipative Sammlungsarbeit braucht Zeit für Austausch und Diskussion, Personal für die Betreuung, zugängliche Informationen, Räume sowie eine Dokumentation der daraus entstehenden Erkenntnisse.