Was normalerweise hinter verschlossenen Türen verborgen ist, wird im Schaudepot zugänglich: die materielle Vielfalt musealer Sammlungen, ihre Objekte, ihre Geschichten und ihre Rätsel. Das besondere Potenzial des Schaudepots: Es zeigt Kulturgut nicht als Ergebnis kuratorischer Deutungshoheit, die die Objekte »vertextet«, sondern schafft durch das kommentarlose Zeigen Raum für eine unverstellte Konfrontation zwischen Publikum und Artefakt, zwischen Mensch und Geschichte – und eröffnet damit Diskursräume.

Ein anschauliches Beispiel bietet das Kulturhistorische Schaudepot des Deutschen Buch- und Schriftmuseums (DBSM) der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig. Museen zeigen in ihren Ausstellungen immer nur einen kleinen Ausschnitt ihrer Sammlungen. Beim DBSM mit seinem Bestand von rund 1,1 Millionen Objekten sind rund 1.100 Objekte ausgestellt. Das Schaudepot öffnet dem Publikum dagegen einen Raum und eine medienhistorische Vielgestaltigkeit, die sonst nur Mitarbeitenden und Forschenden vorbehalten ist.

 

Geschichten anbieten statt Geschichte formatieren

Dabei ist es keine Ausstellung im klassischen Sinn. Die Objekte stehen in einer Ordnung, die der Logik des Sammelns folgt, nicht der einer geschlossenen Erzählung. Indem das Museum einen Teil seiner kuratorischen Kontrolle bewusst aus der Hand gibt, entsteht Raum für Entdeckungen und eigene Deutungen: Ein historisches Werkzeug erinnert an den Beruf der Großeltern, ein Schreibgerät an die Schulzeit, eine Maschine an Arbeit, Stolz und Schweiß. Und für Forschende kann dasselbe Objekt Ausgangspunkt einer wissenschaftlichen These sein.

Und gerade darin liegt das partizipative Potenzial des Schaudepots. In der Buchstadt Leipzig schlummert ein großer Fundus an historischem und biografischem Erfahrungswissen, das im Schaudepot über Citizen-Science-Ansätze ins Museum gelangt. Aber auch für Kinder eröffnet die materielle Objektwelt zahlreiche Zugänge: Was ist das? Wer hat damit gearbeitet? Wie wird die Zukunft unserer Wissenswelten aussehen? Was verbindet ein Kerbholz mit dem digitalen Endgerät? Vor allem für eines der zentralen Themen der aktuellen Bildungsarbeit in Schulen – die Medienkompetenz – ergeben sich hier zahlreiche Anknüpfungspunkte. Aus Beobachtungen entstehen Fragen und eigene Geschichten. Das Schaudepot ist auch ein Ort des intergenerationellen Dialogs. Die Führung »Depotgeflüster« zeigt, wie groß das Interesse an dieser Form des gemeinsamen Entdeckens ist.

Das Schaudepot verändert auch die Art, wie wir Dinge betrachten. Wo eine Ausstellung eine Dramaturgie vorgibt, fordert das Depot zum genauen Hinschauen auf – auf materielle Aspekte und Gebrauchsspuren, auf Formen und Funktionen. Das Museum wird im Schaudepot zu einer »Schule des Sehens«. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht allein auf die historische Information, sondern auf das Objekt in seiner materiellen Sperrigkeit. In diesem Kontext laden auch unsere Paternosterregale zu Entdeckungen ein. Überraschungen entstehen gerade dort, wo der erste Eindruck nicht das letzte Wort hat. Zugleich können Dinge Erinnerungen und Emotionen auslösen und dadurch Gespräche anstoßen. Aus dem stillen Betrachten wird ein sozialer Prozess des Sehens, Erzählens und gemeinsamen Fragens.

 

Das Leipziger Schaudepot: Schrift, Buch, Papier, digitale Medien

Das Kulturhistorische Schaudepot des DBSM umfasst rund 9.000 Objekte. Sie erweitern die Buch-, Schrift-, Papier- und Mediengeschichte um deren materielle Voraussetzungen: Werkzeuge, Geräte, Maschinen und Materialien, mit denen geschrieben, gesetzt, gedruckt, gebunden und kommuniziert wurde.

Das Schaudepot wurde 2012 eingerichtet, als das 1884 gegründete DBSM – das älteste Buchmuseum der Welt – in den Neubau der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig einzog. Zwischen Bleilettern, Tintenfässern und raumgreifenden Maschinen wird eine Vielfalt medienhistorischen Kulturerbes sichtbar: Druckerpresse, Papierstampftrog, Setzmaschine, eine chinesische Schreibstube oder ein rollendes Bücherfass. Sie erzählen von handwerklichen Fertigkeiten, technischen Innovationen, wirtschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen der Arbeitswelt.

 

Ein Ort für Forschung, Ausbildung und Citizen Science

Auch für Forschung und Lehre bietet das Schaudepot viele Anknüpfungspunkte. Die Objekte verbinden Technik-, Sozial-, Buch-, Design- und Wirtschaftsgeschichte und machen sichtbar, was schriftliche Quellen allein nicht erzählen können. Studierendengruppen und universitäre Institute besuchen das Schaudepot regelmäßig. Zugleich eröffnet seine internationale Sammlung vielfältige Perspektiven für Besucherinnen und Besucher aus unterschiedlichen kulturellen Kontexten. Ein besonderes Highlight sind die Objekte aus der 1914 in Leipzig veranstalteten – ersten und letzten – Weltausstellung des Buches mit kulturellen Zeugnissen aus Afrika, Amerika, Asien und vielen europäischen Ländern. Und auch für den Einsatz von Ehrenamtlichen und Praktikantinnen und Praktikanten bietet das Schaudepot nützliche Ansatzpunkte. So konnte eine Praktikantin aus Ägypten, die sich im Sommer über die UNESCO im DBSM beworben hatte, mit ihrem von ägyptischer Kultur geprägten Blick vielfach Brücken schlagen zwischen unserem international ausgerichteten musealen Bestand und der Mediengeschichte des Nahen Ostens.

Das Schaudepot ist damit mehr als ein besonderes Ausstellungsformat. Es steht für eine museale Haltung, auch gegenüber seiner Verantwortung für eine diverse Gesellschaft: bewahren und zeigen – und zugleich Räume für multiple Perspektiven öffnen und dabei Besucherinnen und Besucher als aktive Partner des Sehens und Fragens ernst nehmen. In unserem Schaudepot wird diese Haltung besonders anschaulich.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11-12/2026