Die Museumsstiftung Post und Telekommunikation verantwortet deutschlandweit drei Museen für Kommunikation, zwei Depots und ein Archiv für Philatelie. Anja Schaluschke steht ihr vor. Im Gespräch mit Theresa Brüheim spricht sie über Sammlungskonzepte, -qualifizierung und Deakzession unter anderem bedingt durch eine kommende Herausforderung.

 

Theresa Brüheim: Frau Schaluschke, Museen sollen auch für kommende Generationen sammeln. Gleichzeitig sind Platz und Mittel begrenzt. Wie erleben Sie dieses Spannungsverhältnis in Ihrer Arbeit in der Museumsstiftung und im Museum für Kommunikation in Berlin?

Anja Schaluschke: Das Wichtigste ist ein gutes Sammlungskonzept. Damit hat man Leitplanken für die eigene Tätigkeit und setzt als Institution einen Bewusstseinsprozess in Gang: Was wollen wir sammeln? Was wollen wir bewahren? Was gehört zu unserem Sammelgebiet, was nicht? Das hört sich selbstverständlich an, ist es aber nicht. Die vorhandenen Sammlungen in der Museumsstiftung sind ganz unterschiedlich zustande gekommen. Haben ist das eine, für die Zukunft aufbewahren das andere.

Diese Frage stellt sich natürlich je nach Museumsgattung unterschiedlich. Im Bereich der technik- und kulturhistorischen Sammlungen, wie wir sie haben, hat es in den letzten 100 Jahren einen unfassbaren Zuwachs an Dingen gegeben. Schon deshalb muss man sich sehr genau überlegen, was man sammelt.

 

Dieser Zuwachs an Dingen liegt sicher auch darin begründet, dass sich Kommunikation in den letzten Jahrzehnten massiv verändert hat und es kontinuierlich weiter tut. Wie entscheiden Sie, was dauerhaft bewahrt werden soll und wovon man sich trennen kann?

Ich leite auch die Museumsstiftung Post und Telekommunikation, zu der neben dem Museum für Kommunikation in Berlin auch jene in Nürnberg und Frankfurt gehören. Aus unserer Stiftungssammlung speisen wir die Ausstellungen aller drei Museen wie auch externe Ausstellungen. Die Wurzeln gehen zurück auf die Gründung des Reichspostmuseums im Jahr 1872. Mit der Schaffung der Stiftung im Zuge der Privatisierung der Post wurden viele Sammlungen zusammengeführt. Es gab von Anfang an viel Sammlungsgut.

Mit Stiftungsgründung haben wir einen Paradigmenwechsel erlebt: vom eher technikhistorischen zum kulturhistorischen Museum. Früher interessierte an einem Brief vor allem der Umschlag mit dem Stempelabschlag: Wie wurde er transportiert, welchen Weg nahm er? Heute interessiert uns auch, was darinsteht: Was haben sich die Menschen mitgeteilt? Das beeinflusst unsere Entscheidungen. Ein wichtiges Kriterium ist: Gibt es zu dem Objekt eine Geschichte? Eine historische Postuniform allein würden wir in der Regel nicht aufnehmen. Wenn die Familie des Trägers aber erzählen kann, wie sie getragen wurde, und vielleicht noch Fotos hat, ist das eine andere Sache. Dabei müssen wir unterscheiden: Was nehmen wir neu auf und wie gehen wir mit den Dingen um, die wir schon haben?

Ein Sammlungskonzept muss regelmäßig daraufhin überprüft werden, ob die Strategie noch trägt oder ob es Veränderungen braucht. Das begleitet uns seit Beginn unserer Sammlung: 1872 wollte Heinrich von Stephan die Nachrichtenübermittlung aller Zeiten und aller Völker sammeln. Schon damals merkte man bald, dass dieser Anspruch zu hoch war. Anpassungen sind wichtig, damit eine Sammlung gut betrieben und weiterentwickelt werden kann.

 

Man entscheidet aus heutiger Perspektive und weiß noch nicht, was künftig wichtig sein wird. Wie machen Sie diese Entscheidungen möglichst objektiv?

Indem wir uns nicht auf Einzelmeinungen stützen. Die Kustodinnen und Kustoden sind aufgefordert, mit ihren Sammlungskolleginnen und -kollegen zu diskutieren. Für neue Akzessionen haben wir einen Kriterienkatalog entwickelt: Haben wir etwas Vergleichbares bereits? Was kann man daran erzählen? Ist das Objekt ausstellbar? Gibt es eine Geschichte dazu? Passt es in den Kontext?

Wir können nach bestem Wissen und Gewissen entscheiden. Ob das richtig war, werden die Generationen nach uns beurteilen. Ein bisschen Risiko bleibt immer. Aber klare Kriterien und auch fachlicher Austausch sind wichtige Hilfsmittel. Uns werden außerdem viele Dinge angetragen, die nach Ansicht ihrer Besitzer unbedingt ins Museum müssten. Eine Absage kann große Enttäuschung auslösen. Gerade beim Generationenwechsel möchten viele private Sammlerinnen und Sammler ihr Lebenswerk in gute Hände geben, möglichst vollständig. Für uns sind aber oft nur einzelne Stücke erhaltenswert. Bei seriellen Objekten, die wir schon mehrfach haben, ist schnell klar, dass wir sie nicht brauchen. Ein ausgearbeitetes Prozedere für diese Entscheidungen ist eine sehr gute Richtschnur. Das zu kommunizieren, ist eine Herausforderung. Daran hängt sehr viel Emotion.

 

Verständlich – doch ab einem bestimmten Punkt wird Deakzession, d. h. Entsammeln, notwendig. Wann ist dieser Punkt erreicht? Inwiefern kann der Prozess nicht nur als Reduzierung des Bestehenden, sondern auch als eine verantwortungsvolle Weiterentwicklung einer Sammlung betrachtet werden?

Es ist immer beides. Ich spreche daher auch lieber von Sammlungsqualifizierung.

Die Qualität einer Sammlung bemisst sich nicht an ihrer Stückzahl, sondern an der Qualität ihrer Objekte. Um die zu erkennen, muss ich mich mit den Objekten, ihrer Herkunft und ihrer Bedeutung beschäftigen. Das ist Museumsarbeit und muss im Prinzip immer geschehen.

Es gab sicherlich Situationen, in denen es gerechtfertigt war, Dinge erst einmal zu sichern. Langfristig kann »erst aufnehmen, dann schauen wir weiter« aber keine Lösung sein. Angesichts knapper Finanzmittel und der Bedeutung von Nachhaltigkeit müssen wir uns fragen: Was wollen wir bewahren?

Alle Objekte, die aufbewahrt werden, kosten Geld und Zeit. Sammlungsqualifizierung sichert deshalb die Handlungsfähigkeit. Wir wollen nicht nur bewahren, sondern ausstellen, vermitteln und publizieren. Dafür brauchen wir Zeit und finanzielle wie personelle Kapazitäten. Deshalb ist das eine wichtige und durchaus zufriedenstellende Tätigkeit.

 

Aktuell stehen Sie auch vor der Herausforderung, dass der langjährige Mietvertrag Ihres Depots in Heusenstamm endet. Wie gehen Sie damit um?

Wir beschäftigen uns schon lange damit, dass wir unser größtes Depot mit über 500.000 Objekten, das wir u. a. für Großgeräte und Fahrzeuge und elektrische und elektronische Kommunikation nutzen, Ende 2029 verlassen müssen. Das ist die Stunde der Sammlungsqualifizierung. Die Kernfrage ist: Was zieht in ein neues Depot mit? Zumal die Mietkosten in der Regel steigen.

Wir müssen unsere Platzbedarfe verantwortungsbewusst definieren und einen neuen Depotstandort finden. Gleichzeitig schauen wir, wie wir in unserem zweiten Depot in Berlin Flächen gewinnen und Synergieeffekte schaffen können.

Das ist aufwendig und für das Team nicht immer leicht. Es hat auch Auswirkungen auf unsere Arbeit: Ein Beispiel ist unsere große Sammlungsausstellung zu »100 Jahre Radio«. Bei dieser wurde stark mit den Beständen aus Heusenstamm gearbeitet; so etwas werden wir in der nächsten Zeit erst einmal nicht machen können.

 

Die Museumsstiftung Post und Telekommunikation und somit ihre Museen sind privat finanziert. Was braucht es Ihres Erachtens von der Politik, damit Museen ihre Sammlungen langfristig bewahren und weiterentwickeln können?

Grundsätzlich braucht es ein Bekenntnis zum kulturellen Erbe und dazu, es zu erhalten. Es braucht die Bereitschaft, das wertzuschätzen, was schon da ist, und keine kurzfristigen Entscheidungen zu treffen, weil sie gerade populär erscheinen. In der Museumsszene ist das Bewusstsein da, gemeinsam Wege zu suchen: Wie können wir mit den vorhandenen Mitteln und unter Berücksichtigung ökologischer Aspekte für unsere Nachfahren erhalten, was unsere heutige Gegenwart und die Gegenwarten der Vergangenheit abbildet? Die Expertise dafür liegt bei den Museen und der Wissenschaft.

Ein Depot ist nicht einfach ein Lagerraum. Es muss die langfristige Erhaltung der Objekte sicherstellen, ist aber auch ein Forschungs- und Arbeitsort. Die Objekte werden ausgeliehen, restauriert und erforscht.

Mit unserer Feldpostsammlung arbeiten beispielsweise viele internationale Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei uns im Depot. Deshalb trifft der Ausdruck »Depot« es nicht immer ganz: Es ist auch ein Sammlungs- und Forschungsort.

 

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11-12/2026