Wie bewahrt man Kulturgüter so auf, dass sie auch noch in weiteren 100 Jahren erforscht und ausgestellt werden können? Joachim Kreutner, Leiter des Fachbereichs Metallrestaurierung am Bayerischen Nationalmuseum, erläutert im Gespräch mit Sophia Blochowitz, warum langfristiges Denken für den Sammlungserhalt entscheidend ist.

 

Sophia Blochowitz: Welcher Moment macht Ihnen bewusst, warum Ihre Arbeit als Metallrestaurator so wichtig ist?

Joachim Kreutner: Wenn ich durch die Erforschung von Material und Technik nicht nur Objekte erhalte, sondern auch zum Erkenntnisgewinn für die Geschichte beitragen kann, macht mir mein Beruf besonders viel Freude. Versteht man ein Objekt, versteht man oft auch die Menschen besser, die es vor 300 Jahren benutzt haben. Neulich konnte ich durch die Legierungsuntersuchung einer Bronzeskulptur nachweisen, dass sie nicht in Italien, sondern höchstwahrscheinlich in Nürnberg entstanden ist. Das war zuvor ein offenes Fragezeichen.

Wenn ich einen Silberbecher restauriere, dann tue ich das in erster Linie, um sein ästhetisches Erscheinungsbild zu verbessern. Das kann natürlich auch Maßnahmen einschließen, die der langfristigen Erhaltung dienen. Wenn ich jedoch für das Depot arbeite, restauriere ich i. d. R. nicht. Eine Restaurierung ist immer ein Eingriff, und den nehme ich nur dann vor, wenn er wirklich notwendig ist.

 

Was passiert hinter den Türen eines Museumsdepots, damit Objekte auch in 100 Jahren noch erforscht und ausgestellt werden können?

Auch bei uns gibt es einen ziemlich großen Unterschied zwischen der Anzahl der ausgestellten Objekte und der im Depot, nämlich ca. 20.000 zu ca. 240.000. Es sind Objekte dabei, die nie zum Ausstellen gedacht waren; sie wurden für wissenschaftliche Zwecke gesammelt.

Die Aufgabe der Restauratorinnen und Restauratoren ist es, diese Objekte möglichst ungeschmälert in ihrer Aussagekraft und in ihrem Informationsgehalt für künftige Generationen zu erhalten. Alterungsprozesse lassen sich nicht verhindern, aber verlangsamen. Unsere Aufgabe im Depot besteht darin, die Situation kontinuierlich zu verbessern, indem wir Objekte entnehmen, reinigen, in zeitgemäße Lagerungsmöglichkeiten übertragen und bei dieser Gelegenheit Dokumentationslücken schließen. Dies geschieht meist neben Ausstellungsvorbereitungen, Leihverkehr und Bearbeitung von Neuerwerbungen.

 

Wann beginnt ein Metallobjekt zu altern?

Die Umgebungsbedingungen sind das A und O. Metalle sind besonders korrosionsanfällig, wenn es feucht ist. Wären in unseren Depots ausschließlich reine Metallobjekte untergebracht, wäre vieles einfacher. Dann müssten wir nur dafür sorgen, dass es trocken bleibt. So wie bei Wracks in der Wüste, die nicht verrosten und dort quasi ewig liegen bleiben. In der Praxis besteht jedoch kaum ein Objekt nur aus Metall, weshalb wir hier einen Kompromiss finden müssen: Die Bedingungen dürfen weder dem Metall noch den anderen Materialien schaden. Deshalb ist das Monitoring der Objekte so wichtig.

Unsere Depots befinden sich in den Dachgeschossen des Museums und weisen sehr unterschiedliche klimatische Bedingungen auf. Manche Bereiche bieten nahezu ideale Voraussetzungen, andere entsprechen noch dem Stand der 1950er Jahre. Wir arbeiten kontinuierlich daran, die Lagerbedingungen zu verbessern.

 

Viele Menschen denken in Jahren oder Jahrzehnten. Sie müssen in Jahrhunderten denken. Wie sieht für Sie das Depot der Zukunft aus?

Wir kämpfen quasi gegen die Elemente. Wir wollen, dass die Temperatur gleichbleibt, weshalb das Idealdepot möglichst passiv ist. Ist Grundwasser vorhanden, sollte es lieber kein Keller sein. Natürlich sagt jeder Bauingenieur: Das kriegen wir alles dicht, das Grundwasser macht nichts. Aber wir sprechen hier über Zeiträume von 100 oder 200 Jahren. Ich als Restaurator denke dann, dass vielleicht irgendwann gar kein Geld mehr für Depots zur Verfügung steht. Das betrifft auch die Klimatisierung. Energie wird immer teurer, und in einigen Jahrzehnten werden sich viele Museen ihre Klimaanlagen möglicherweise nicht mehr leisten können. Dann sollte das Depot trotzdem noch funktionieren, wenn alles abgeschaltet werden muss. Ich versuche, möglichst konservativ und sparsam zu denken. Nicht zu viel Technik. Das klingt vielleicht etwas altmodisch, aber alles, was technisch komplex ist, geht irgendwann kaputt. Wir brauchen Nachhaltigkeit im Sinne von Unkompliziertheit. Ein Depot sollte mit möglichst wenig Energiezufuhr betrieben werden können. Wir sollten wieder stärker in Generationen denken und möglichst wartungsarme Lösungen schaffen. Am Anfang muss man mehr investieren und bereits einplanen, dass Technik ausfallen kann. Deshalb sollte die analoge Hilfskurbel im Idealfall schon daneben hängen. Ein Denken an mögliche raue Zeiten ist unerlässlich.

 

Vielen Dank.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 11-12/2026