Derzeit gibt es eine große Aufmerksamkeit für die NSDAP-Mitgliederkartei und damit, insbesondere in Deutschland und Österreich, möglicherweise einen neuen und kritischen Blick innerhalb von Familien auf NS-Geschichte und NS-(Mit-)Täterschaft. Neu ist das Ausmaß des öffentlichen Interesses, denn geheim waren die Dokumente vorher nicht, jedoch schwerer zugänglich. Die Zugänglichmachung dieser Datenbank kann zu Erkenntnissen und Gesprächen in Familien führen und einen kritischen Anstoß zur weiteren Beschäftigung liefern sowie neue Perspektiven auf Familiengeschichte eröffnen. Auch Impulse für regionale Erinnerungskultur könnten entstehen, etwa bei Debatten um Straßenumbenennungen oder die Kontextualisierung von (Krieger-)Denkmälern.

Aber: Ich verwende bewusst den Konjunktiv, denn dieses neue Interesse wirft Fragen auf, die begleitende Forschung erfordern: Wer nutzt die Kartei? Wie blicken Rechtsextreme und Neonazis in die Kartei? Ist die Suche Auftakt oder Abschluss einer Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte? Beschäftigen sich die nun neu Interessierten auch mit den Verfolgten des NS-Regimes? Wie kann die Kartei für die schulische Bildungsarbeit genutzt werden, mit welchen Lernzielen?

Was die Mitgliederkartei auf den ersten Blick nicht hergibt, ist ein Einblick in die Auswirkungen einer Mitgliedschaft in der NSDAP: (Mit-)Täterschaft in Terror, Vernichtungsantisemitismus, Repression, Vernichtung und Endphaseverbrechen sowie die Nachwirkungen dieser Verbrechen in den Familien der Verfolgten bis heute. Dokumente, die das zeigen, finden sich unter anderem in den Arolsen Archives.

Bei dem neuen Interesse an den NSDAP-Mitgliedern dürfen die Opfer und Überlebenden der NS-Verfolgung nicht außer Acht gelassen werden – vielmehr müssen sie Teil dieser Auseinandersetzung werden, weil die Auswirkungen einer Mitgliedschaft selbst nicht unmittelbar aus der Kartei sichtbar werden. Dieselbe Sorgfalt, die es bei der musealen Aufarbeitung von NS-Täterorten braucht, ist nun auch im digitalen Raum gefragt. Und dazu gehört auch der Blick auf die Opfer der menschenverachtenden Ideologie, die eine so breite Zustimmung in der Gesellschaft fand. Das Risiko, das auch bei NS-Täterorten besteht, nämlich dass sie zur Verharmlosung oder Glorifizierung der NS-Verbrechen verwendet werden, besteht auch hier.

Das humanitäre Mandat der Arolsen Archives ist nicht Geschichte, sondern Gegenwart

Die Arolsen Archives sind das weltweit größte Archiv zu den Opfern und Überlebenden der NS-Verfolgung, 1948 als Teil der Vereinten Nationen unter dem Namen International Tracing Service gegründet, um Opferschicksale zu klären und Familien zusammenzuführen. Seit der Gründung wenden sich Überlebende der NS-Verfolgung, ihre Angehörigen und Nachkommen mit Fragen an die Arolsen Archives. Auch mehr als 80 Jahre nach Kriegsende recherchieren sie intensiv bei den Arolsen Archives: Wo wurde mein Vater interniert? Wo hat meine Großmutter Zwangsarbeit leisten müssen? Haben die Geschwister überlebt und wo leben sie?

Über ein Online-Formular können Überlebende und Angehörige individuelle Anfragen an die Arolsen Archives stellen. Das tun sie im steigenden Ausmaß: 2025 stieg die Zahl um rund 20 Prozent auf 25.500, hinzu kommen mehr als 830.000 Nutzerinnen und Nutzer des Online-Archivs mit inzwischen 40 Millionen Dokumenten.

Eine globale Perspektive auf die NS-Verfolgung

Das Besondere an den Anfragen an die Arolsen Archives ist ihre globale Dimension: Sie kommen aus aller Welt, von Wellington über Rom bis nach Seattle. Die meisten stammen nach wie vor von Angehörigen, zunehmend melden sich aber auch Menschen ohne eigenen familiären Verfolgungshintergrund, etwa aus Geschichtsinitiativen.

Häufig finden Familien in unserem Archiv Antworten auf Fragen, die sie über Jahrzehnte beschäftigten, z. B wenn die Überlebenden oder die Angehörigen der Opfer über Verfolgung und Ermordung geschwiegen haben. Immer öfter ist es die Generation der Enkel oder Urenkel, die Anfragen an die Arolsen Archives stellen.

Besonders bewegend sind Familienzusammenführungen, die auch heute noch durch die Arolsen Archives durchgeführt werden. Wie im Fall von Mala Malengreau und ihren Halbgeschwistern Ilana und Alan. Mala hatte mit ihren Eltern den Holocaust überlebt. 1949 wanderte ihr Vater in die USA aus und gründete dort eine neue Familie. Über alte Fotos erfuhr Ilana erst spät von Mala und kontaktierte die Arolsen Archives. Im März 2025 führte die Suche zum Erfolg – die Geschwister stehen seitdem in engem Kontakt.

Erinnerungskultur in bewegten Zeiten

Derzeit prägen drei Entwicklungen unseren Blick auf die Zukunft der Erinnerungskultur: der Anstieg von Antisemitismus – nicht erst seit dem 7. Oktober 2023 –, die rasante Verbreitung von Geschichts- und Holocaust-Verzerrung oder gar -Leugnung, etwa durch KI-erstellte Videos, und die Chancen, die durch technologische Entwicklungen entstehen. Hinzu kommt, dass immer weniger Zeitzeuginnen und Zeitzeugen von ihren Erfahrungen erzählen können.

Archive können hier einen Ankerpunkt bilden. Die Dokumente aus den Arolsen Archives liefern den historischen Beweis für die NS-Verbrechen. Als »Zeugen aus Papier« stehen die Dokumente niederschwellig Angehörigen, Forschenden, Schulen und der Öffentlichkeit für ihre Fragen bereit.

Zeitgleich beobachten die Arolsen Archives europaweit eine Stärkung der Erinnerungskultur: Lokale Initiativen erfahren neue Aufmerksamkeit. Das schafft neue Potenziale und Aufgaben für Archive: Immer mehr Lehrpersonen möchten im Unterricht mittels Opferbiografien einen Bezug zur eigenen Stadt herstellen. Gerade bei der regionalen Recherche, etwa zu Zwangsarbeitslagern, zeigen sich Anknüpfungspunkte zwischen den Dokumenten der Arolsen Archives und der NSDAP-Mitgliederkartei: Zu vielen weniger bekannten NS-Peinigern, von denen Überlebende berichtet hatten, gab es bisher kaum Informationen.

Offene Fragen von Angehörigen und nie gestellte Fragen

Es gibt noch viele offene Fragen in den Familien von NS-Verfolgten. So auch bei den Nachfahren von Dimitrios Vafeiadis. Der 1919 geborene Grieche wurde 1944 ins KZ Neuengamme deportiert und musste Zwangsarbeit für die Rüstungsindustrie leisten. Vermutlich starb er 1945 in Celle, doch sein Schicksal blieb für die Familie ungeklärt. Seine Schwestern suchten ihr Leben lang nach Informationen, eine benannte ihren Sohn nach dem vermissten Bruder, der wiederum seinen Enkel Dimitrios nannte. Dieses Jahr hat eine Schulklasse aus der Nähe von Athen diesen Neffen in Kooperation mit den Arolsen Archives gefunden. Er erhielt die persönlichen Gegenstände seines Onkels, wie eine Taschenuhr, die ihm im KZ abgenommen und später in den Arolsen Archives aufbewahrt wurde, und endlich die Informationen, nach denen die Familie so lange gesucht hatte.

In unserem Archiv gibt es Millionen Verfolgungsgeschichten, Namen und Schicksale, zu denen niemals Fragen gestellt wurden – weil keine Verwandten überlebt haben oder Angehörige, verstreut über die ganze Welt, nicht wissen, wo sie fragen können. Eine Rolle spielt auch die späte Anerkennung einzelner Opfergruppen und deren erst jüngst begonnene wissenschaftliche Aufarbeitung.

Bei allem medialen Interesse an der NSDAP-Mitgliederkartei zeigen Archive mit Fokus auf die Opfer und Verfolgten des Nationalsozialismus, dass deren Geschichte noch viele Fragen aufwirft und in Familien fortlebt. Die Öffnung der Archive ist eine Voraussetzung für Aufklärung. Ob jene, die ihre Recherche in der NSDAP-Mitgliederkartei begonnen haben, auch in Archiven zu Opfern der NS-Verfolgung recherchieren werden, wird sich zeigen.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 9-10/2026