Ludwig Greven spricht mit dem Chef-Hygieniker der Hamburger Universitätsklinik, Johannes Knobloch, über den Schutz von Patienten, multiresistente Bakterien und Maßnahmen in der Coronapandemie

Ludwig Greven: Wie zentral ist Hygiene im Krankenhaus? Hängt davon Leben und Überleben der Patienten ab?

Johannes Knobloch: Indirekt schon. Hygiene beeinflusst das Verhalten von Menschen. Ein fehlerhaftes Verhalten kann Patienten schaden.

Die strengste Hygiene gilt sicher im Operationssaal.

Die Aufgabe stellt sich in allen Bereichen. Im OP operieren wir unter so hoch gesicherten Bedingungen, dass es dort kaum Infektionen gibt. Das passiert eher hinterher, wenn z. B. der Wundverband gewechselt wird.

Ist es Ihre Aufgabe, die Aufmerksamkeit immer wieder zu stärken?

Als Krankenhaushygieniker beraten wir die Personen, die direkt mit und an den Patienten arbeiten, und entwickeln Strategien, um die Sicherheit der Patienten zu verbessern. Von der Auswahl an Desinfektionsmitteln bis dahin, zu beobachten, wie mit den Patienten umgegangen wird, und Vorschläge dazu zu machen. Und wir messen und zählen, wo und wie oft Infektionen auftreten, um zu sehen, wo es Verbesserungsbedarf gibt und Schulungen nötig sind.

Gibt es da insgesamt Nachholbedarf? Angeblich sterben in deutschen Kliniken jedes Jahr Tausende Patienten durch Keime.

Wir haben einen kontinuierlichen Lern- und Verbesserungsprozess. Seit vielen Jahren wird finanziell gefördert, dass Hygienefachpersonal eingestellt wird. Gleichwohl ist die Zahl an Infektionen in den Kliniken etwa gleich geblieben, da sich die Erkrankungsschwere von Patienten geändert hat. Mehr Bedarf sehe ich, in die Hygieneforschung zu investieren. Es wird weltweit viel Geld dafür ausgegeben, neue Antibiotika zu erforschen, die gegen resistente Bakterien wirken, aber im Vergleich dazu wenig, um dafür zu sorgen, dass es mit diesen Bakterien erst gar keine Infektionen gibt.

Das Auftreten multiresistenter Keime wird auch darauf zurückgeführt, dass in Kliniken zu häufig Antibiotika eingesetzt werden, z. B. regelmäßig vor jeder Operation.

Auch da sind wir beratend tätig, um zu vermeiden, dass solche Resistenzen entstehen. So werden Antibiotika bei Operationen oft zu lange gegeben, auch noch nach dem Eingriff. Der häufigste Fehler ist zu glauben, viel hilft viel.

Hat die Pandemie das Bewusstsein für Hygiene gestärkt?

Es gibt eine unterschiedliche Bewertung der Maßnahmen. Hygiene ist mehr als nur Prävention von Infektionen. Es ist Gesunderhaltung insgesamt. Da gab es einige Maßnahmen, die aus Sicht der Hygiene nicht unbedingt zielführend waren. Beispielsweise das Benutzen von FFP2-Masken durch Menschen, die vorher nicht darin geschult wurden. Der Bedarf an diesen Masken ist dadurch stark gestiegen, auf dem Markt war zeitweise nur noch Material verfügbar, das sich aus unserer Sicht nicht eignet. Die Länderverordnung schreibt aber vor, dass diese auch im medizinischen Bereich eingesetzt werden. Im Kontakt mit hoch infektiösen Patienten empfehlen wir unseren Mitarbeitern keine Masken mit Ohrschlaufen, sondern nur solche mit umlaufenden Kopfbändern und Gummiabdichtung an der Nase.

Hat die Pandemie auch zu einer Hygiene-Hysterie geführt?

Während der Pandemie gab es mehr Hygieniker als Bundestrainer während einer Fußball-WM. Gefragt werden sollten auch hier Menschen, die sich fachlich und wissenschaftlich mit diesem Thema beschäftigen.

Waren die Isolationsmaßnahmen teilweise zu streng?

Nicht an allen Stellen ist bedacht worden, dass zur Gesunderhaltung auch die psychosoziale Hygiene gehört, der Kontakt zu anderen Menschen. Das war sicherlich bei den Kindern, aber auch bei alten Menschen in den Heimen problematisch. Ebenso im Kulturbereich.

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 12/2022 – 1/2023.