Die Theaterfotografie, auch Bühnenfotografie, zeigt z. B. die Darstellenden auf den Bühnen sowie Kulissen oder Requisiten. Große Häuser haben zumeist einen eigenen Theaterfotografen bzw. eine eigene Theaterfotografin: So arbeitet Wilfried Hösl als Fotograf an der Bayerischen Staatsoper München. Für Politik & Kultur gibt er Einblick in das Genre und seine Arbeit. 

Herr Hösl, Sie arbeiten als Fotograf an der Bayerischen Staatsoper. Was macht die Theaterfotografie an einem großen Haus aus? 

Theaterfotografie versucht die Intentionen des Regisseurs, der Regisseurin zu erkunden und die gesetzte Ästhetik des Bühnenbildes und des Kostümdesigns als Grundlage des eignen Metiers in Bilder zu fassen und dabei mehr als nur technische Reproduktion der Arbeit der Kunstschaffenden der Opernaufführung zu leisten. 

Der zweite Aspekt der Arbeit betrifft die Darstellung der schauspielerischen Leistung der Sängerinnen und Sänger. Es gilt, die entscheidenden Momente der des Wahnsinns anheimfallenden Primadonna oder den Tod des der Gewalt ausgelieferten Machos festzuhalten und dies, wo möglich in einer Perspektive, die über den Blick des Theaterzuschauers hinausgeht, also die jeweils eigene Bildgrammatik des Fotografen zum Ausdruck bringt. 

Nicht verschwiegen werden sollte, dass dies naturgegeben nicht in jeder Fotografie zum Vorschein kommt und auch zu gewährleisten ist, dass auch die Nachwuchssängerin mit sehr kleinen Rollen noch Eingang in die Bildauswahl finden. 

Die Auswahl der in dem Archiv der Bayerischen Staatsoper zu liegen kommenden Aufnahmen übersteigt je nach Aufführung meist die Zahl von 500.  

Aus diesem Pool bedienen sich die Abteilungen Presse, Dramaturgie, Marketing und Internetredaktion mit oft sehr unterschiedlich ausfallenden Nutzerwünschen. 

Gelegentlich findet man als Fotograf seine Arbeiten in der Presse oder im Internet im Zusammenhang mit Kritiken der Aufführung auf widersinnigste Weise bearbeitet oder beschnitten, was dazu führt, dass obige Sätze auf das Schönste ad absurdum geführt werden, und man sich schämt, als Bildautor genannt zu sein. 

Wie gestaltet sich Ihre tägliche Arbeit als Theaterfotograf? Wie hat die Pandemie diese verändert? 

Um die Umstände einer Aufführung zu ergründen versuche ich von der Präsentation des Konzepts der Opernaufführung bis hin zum Premierenabend möglichst oft Fühlung zur Produktion aufzunehmen. Also Probenbesuche, auch die Beleuchtungsproben, die für mein Metier natürlich die Grundlage legen. Auch über Videoeinspielungen sammle ich Informationen – wegen der technischen Darstellung in der Fotografie. 

Problematisch während dieser Pandemiezeit ist das Tragen von Masken, vor allem der Chormitglieder in sehr vielen Proben, was dazu führt, dass der Gestaltungsspielraum eingeschränkt wird. 

Welche Bedeutung kommt dem Genre der Theaterfotografie zu? Wie grenzt es sich zu anderen ab? 

Es wird Theaterfotografie geben, so lange es Theater gibt. Leider haben wir keine bildlichen Informationen darüber, wie sich eine Euripides Aufführung in einem griechischen Amphitheater zugetragen hat. 

Man muss ja nicht so weit gehen wie Susan Sontag in ihrem Essay über die Fotografie, wo sie die Bedeutung der Fotografie so hoch ansetzt, dass eine Fotografie von Shakespeare zu besitzen nur dem gleichkäme, einen Nagel vom Kreuz Christi sein Eigen zu nennen. 

Schön wäre es, wenn man in einer Sternmillisekunde zu dem Augenblick vordringt, den der Dichter des »Rosenkavalier« wie folgt beschreibt: »Man … erkennt als die Wurzel dieses Gelingens das gleiche Element, das jedem künstlerischen Vollbringen beigemischt ist: die angespannteste Aufmerksamkeit, … der es endliche gelingt, wenn der Sinn scharf genug ist, es dort aufzusuchen: im kaum mehr messbaren Augenblick.«, so Hugo von Hofmannsthal. 

Und ja, leider kann man die schönste der Künste nicht fotografieren: La Musica. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.