Angesichts zunehmender Erderwärmung und extremer Wetterphänomene werden Naturfotografen immer mehr zu »Augenzeugen des Klimawandels«. Stefan Fürnrohr gibt Einblick in das Genre. 

Herr Fürnrohr, Sie sind Fotograf – spezialisiert auf Landschafts- und Naturfotografie. Was kennzeichnet dieses Fotografiegenre allgemein?  

Natur- und speziell die Landschaftsfotografie gehören mit Sicherheit zu den am häufigsten praktizierten Genres innerhalb des fotografischen Motivspektrums. Viele Menschen fühlen sich durch die Naturerlebnisse besonders berührt und empfinden den Wunsch, diese Momente festzuhalten und durch das Medium der Fotografie mitzuteilen. Oft befruchten sich dabei die Lust am Reisen und die Freude am fotografischen Gestalten gegenseitig. Das Spektrum der Arbeiten erstreckt sich von den Massen der reinen Urlaubs-Erinnerungsbilder über die stellenweise extrem aufwendig betriebene dokumentarische Fotografie bis hin zum visuell-konzeptionellen Kunstprojekt. Eine Besonderheit ist, dass analog zur journalistischen Fotografie auch an die Naturfotografie gewisse ethische Ansprüche gestellt werden. Unsere Sujets sind oft sehr sensibel gegenüber Störungen. Bildmanipulationen untergraben das Vertrauen in Bilder als Mittel der Kommunikation. Deshalb spielen die unbedingte Rücksicht auf unsere Motive sowie eine grundlegende Authentizität der Arbeiten sowohl für viele Fotografen als auch breite Teile des Publikums eine wichtige Rolle. 

Wie gestaltet sich Ihre Arbeit als Landschafts- und Naturfotograf? Welche Projekte bzw. Aufnahmen sind Ihnen besonders in Erinnerung? 

Ich agiere völlig unabhängig und kann mich bei meinen Projekten allein daran orientieren, was mich inspiriert. Der von einem früheren Fotofreund, Robert Edtmaier, geprägte Satz »Fotografie ist Fantasie gewordene Realität« begleitet mich seit vielen Jahren. Der Blick hinter das Offensichtliche, die Suche nach »dem Bild in der Realität« prägen mein Arbeiten. Als Landschaftsfotograf sind meine gestalterischen Möglichkeiten dahingehend limitiert, als dass ich Topografie nicht selbst kreieren und beeinflussen kann. Mir bleiben die klassischen fotografischen Gestaltungsmittel wie Licht, Perspektive, Belichtungszeit, Blende und Brennweite. Speziell die Variation der Perspektive spielt für mich eine sehr große Rolle, was sich besonders deutlich in meinen Luftbildprojekten mittels Drohne und Kleinflugzeug manifestiert. Der Beliebigkeit sich allein in ihrer dekorativen Schönheit erschöpfender Bilder versuche ich, konzeptionelle Projektarbeit entgegenzusetzen. Einer Idee folgt die Prüfung der Umsetzbarkeit: Ist das Motiv organisatorisch zu erschließen, bietet es hinreichend Vielfalt und Tiefe für eine eingehende Betrachtung? Darauf folgt das Abstecken der möglichen Zielregion oder Regionen – und die Umsetzung der Projektidee in mehreren, konzentrierten Arbeitsreisen. Diese Art der Arbeit führt mich immer wieder fernab jeglicher Hotspots zu Blickwinkeln, die selbst Einheimischen bisher verschlossen waren. Solche Momente – wie z. B. der erstmalige Blick auf die unfassbar blauen, sommerlichen Schmelzwasserseen auf dem Grönländischen Inlandeis – prägen sich mit dem ihnen eigenen »Sense of Wonder« besonders intensiv ein. 

Welche Bedeutung kommt dem Genre der Naturfotografie zu, insbesondere angesichts des fortschreitenden Klimawandels? 

Ich habe diesen Zusammenhang zuerst aus der anderen Richtung wahrgenommen, als vor einigen Jahren die von mir anvisierten arktischen Phänomene an meinem Reiseziel in Grönland nicht mehr aufzufinden waren. Die fortschreitende Klimaerwärmung verhinderte dort bereits ein winterliches Zufrieren des Meeres, was wiederum Voraussetzung für meine geplanten Bilder gewesen wäre. Vor diesem Hintergrund ist es unabdingbar, dass wir Naturfotografen uns als unmittelbare Augenzeugen des Klimawandels verstehen und unsere Bilder als Medium nutzen, der Gesellschaft die mit der Erderwärmung einhergehenden fundamentalen Umwälzungen buchstäblich vor Augen zu führen. Ob Schmelzprozesse in der Arktis, extreme Wetterphänomene oder auch die sich schnell verändernden Lebensräume und Verbreitungsgebiete von Pflanzen und Tieren: Bilder von den Auswirkungen des Klimawandels im Hier und Jetzt wecken in der Breite der Gesellschaft oft viel mehr Aufmerksamkeit und Emotionen als Zahlenreihen, Statistiken oder wissenschaftliche Prognosen. 

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.