In der Ambulanz, auf der Station, im Schockraum oder im OP ist Dorothea Scheurlen als Klinikfotografin täglich unterwegs. Für Politik & Kultur gibt sie Einblick in diese recht unbekannte Sparte der Fotografie. 

Frau Scheurlen, Sie arbeiten als Klinikfotografin. Dabei sind Sie unter anderem für die medizinische Dokumentation am Unfallkrankenhaus Berlin (ukb) zuständig. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei Ihnen aus? 

Den »typischen« Arbeitstag gibt es für mich eigentlich nicht: Für gewöhnlich beginne ich zusammen mit der Pressestelle mit der Erstellung der Medienbeobachtung für unsere Leitungen. Ich arbeite bedarfsorientiert und kann jederzeit gerufen werden, um in den Ambulanzen, auf den Stationen oder im OP Fotos oder Videos zu machen. Für aufwändigere Shootings verabrede ich aber Termine. Davon abgesehen teile ich mir meine Arbeitszeit frei ein. Mein Tätigkeitsfeld ist breit gefächert: Ich übernehme nicht nur die medizinische Dokumentation aller Fachdisziplinen, sondern arbeite auch eng mit der Pressestelle im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit zusammen. Meine Aufgaben sind hier die Bebilderung der Homepage und von Druckerzeugnissen und deren Layout, dazu gehört auch die Postproduktion des Bildmaterials. Oder ich arbeite am Aufbau einer Bilddatenbank, die als Mediadatenbank der Pressestelle dient. 

Welche Bedeutung kommt der fotografischen medizinischen Dokumentation zu? Welche Rolle nimmt diese im Spektrum der Fotografie ein? 

Als Fotografin an einer berufsgenossenschaftlichen Klinik bin ich fest in die Dokumentation von Heilungsverläufen oder Therapien eingebunden. Meiner Arbeit kommt hierbei eine ähnliche Bedeutung wie anderen bildgebenden Verfahren, z. B. Röntgen, Computer- (CT) oder Magnetresonanztomografie (MRT), zu.  

Werde ich zum Fotografieren in den Schockraum der Rettungsstelle gerufen, geht es meist darum, das Ausmaß einer Verletzung zu dokumentieren. Oft sind meine Fotos wichtig für den weiteren Behandlungsverlauf, das Abwägen von Therapieoptionen, aber auch für die Planung von chirurgischen Eingriffen. Außer zur Qualitätssicherung und für die Weiterbildung wird Bildmaterial für wissenschaftliche Veröffentlichungen – z. B. zur Dokumentation von Operationsverfahren, seltenen Erkrankungen oder besonderen Verletzungen – benötigt.  

Diese Sparte der Fotografie ist kaum bekannt und wird im Zuge der Digitalisierung zunehmend in die Hände von Fachfremden gegeben. Oft sind aber zur Beurteilung des Heilungsverlaufs einer Wunde oder gerade in der rechtsmedizinischen Begutachtung eine standardisierte Dokumentation nötig.  

Im besten Fall sollte eine Wunde über Monate hinweg so fotografiert werden, dass man im Anschluss den Verlauf als Video zusammenschneiden könnte.  

Inwieweit beeinflusst die aktuelle pandemische Lage Ihre Arbeit als Klinikfotografin? Hat sich die medizinische Dokumentation in den letzten beiden Jahren verändert? 

Im Unfallkrankenhaus werden auch weiterhin Schwerverletzte nach Arbeits- und Wegeunfällen oder Brandgeschehen versorgt, in den Ambulanzen werden täglich Patienten betreut und fotografiert. An das Tragen von Schutzausrüstung bin ich nicht erst seit Pandemiezeiten gewohnt: Es gehörte für mich beim Betreten von OP-Sälen oder Isolierzimmern schon immer dazu. 

Einzig die Reportagen von Veranstaltungen fehlen: Das letzte große Ereignis, das ich fotografiert habe, war der Neujahrsempfang 2020. Kongresse, die fest zu meiner Jahresplanung gehörten, wie z. B. der Hauptstadtkongress, fanden entweder als Hybrid-Veranstaltung bzw. online statt oder fielen ganz aus.  

Durch die vielen Online-Kongresse hatte ich die Möglichkeit, meine Videoskills auszubauen. Präsentationen medizinischer Poster oder auch wissenschaftliche Vorträge werden seit Pandemiezeiten als Videoaufzeichnung vorgestellt. Diese Videos produziere ich in Zusammenarbeit mit den Medizinerinnen und Medizinern und am Ende entsteht ein vertonter Videofilm. Durch den technischen Fortschritt ändert sich das Spektrum der medizinischen Dokumentation – durch die Pandemie ändern sich lediglich die Rahmenbedingungen.  

Dieser Text ist zuerst erschienen in Politik & Kultur 03/22.